„Nur Hausfrau und Mutter“ im Terrorstaat

Justiz könnte Maria G. mit Söhnen aus Syrien holen. Der DNA-Test liegt vor.

Die Halleinerin Maria G. hat im Sommer 2014 über Nacht ihre Familie verlassen, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Sie gehe noch kurz in die Moschee, erzählte die 17-Jährige ihrer Mutter, ehe sie sich über die Türkei nach Syrien durchschlug. Die blonde Schülerin hatte sich über eine bosnische Salafisten-Moschee in Itzling, die auch vom Verfassungsschutz beobachtet wird, dem radikalen Islam zugewandt, trug wallende Gewänder, verhüllte ihr Haar. Auf Facebook postete sie Propaganda-Videos von irrlichternden Hasspredigern, die Jugendliche in ganz Europa in ihren Bann zogen und Kontakt zu den Attentätern von Paris und Brüssel hatten.

Eine lustige Bootsfahrt im Gräuelkrieg

Ein kurzes Handy-Video zeigt 2015 eine Bootsfahrt Marias mit zwei bärtigen Arabern, vermutlich auf dem Fluss Euphrat in Syrien. Eine gespenstische Szenerie: Drei junge Leute beim lustigen Ausflug im Wüstenland, während rundum die Terrormiliz das Land mit Gräueltaten ins Blut tauchte. Das Flussgebiet im Nordosten Syriens war das Kerngebiet des Islamischen Staats, wo sich am Ende die letzten Fanatiker verschanzten – unter ihnen Maria G. Im Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Salzburg wird darauf verwiesen.

Jetzt wird Maria G. mit ihren Kindern im Camp Al Hol festgehalten, einem riesigen Zeltlager für IS-Angehörige in der Wüste. Die Söhne Isa und Mohammad (2 und 4), stammen von ihrem zweiten Mann, der angeblich Grenzbeamter war und von den kurdischen Behörden verhaftet wurde. Zuvor war die blutjunge Konvertitin mit einem Gotteskrieger verheiratet worden, der jedoch alsbald bei Kämpfen starb.
Seit Frühjahr bemühen Marias Eltern sich um die Rückholung der bald 23-jährigen Tochter und Enkelkinder nach Österreich.

In der politisch heiklen Frage der Rückkehrer reagierten die staatlichen Stellen nur zögerlich, kritisierte Anwalt Johann Eder wiederholt. Der geforderte Abstammungsnachweis kam in den Nachkriegswirren erst jetzt zustande. „Der DNA-Test liegt bereits in Salzburg vor. Das Außenministerium kann die Familie jetzt endlich heimholen“, fordert Eder. Zumal die Situation im Lager in jeder Hinsicht prekär sei.
Maria G. würde sofort festgenommen. Wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen und kriminellen Vereinigung, Strafdrohung: bis zu zehn Jahre Haft.

Frauen im Islamischen Staat waren auch Täterinnen

Vor Gericht beteuern die IS-Frauen stets die Harmlosigkeit ihres syrischen Abenteuers. Man sei „nur Hausfrau und Mutter“ gewesen, lautet die Standardaussage, habe an die gute Sache geglaubt und nichts verbrochen. Auch Maria G. sagt dies so. Ihrer Mutter schickte sie Fotos ihrer Schwangerschaften und Kinder.

Fakt ist, dass auch Frauen im Islamischen Staat Straftaten begangen haben. So patrouillierten sie als gefürchtete Religionspolizei durch die Straßen, um nicht vorschriftsmäßig gekleidete Frauen zu bestrafen, durch Zwicken mit speziellen Instrumenten oder Peitschenhieben. Es gab auch Fälle von „Folter und Mord“ gegenüber Sklavinnen, Gefangenen, weiß der Politologe und Nahost-Experte Thomas Schmidinger. Um die Straftaten ahnden zu können, müsse man die Opfer befragen, unter ihnen viele jesidische Frauen und Mädchen, und mit den kurdischen und irakischen Akteuren zusammenarbeiten.

Schmidinger besuchte selbst das Camp Al Hol, wo viele Europäerinnen ausharren und viele IS-Bräute nach wie vor fanatisch verbohrt und reuelos ihrer Ideologie anhängen. „Die Atmosphäre im Lager ist angsteinflößend. Wir durften nur mit bewaffneter Wache hinein. Es gibt sehr viele Frauen, denen man ihre Aggression anmerkt. Die meisten sind noch voll auf Linie des IS.“ Es hätten sich Morde an vermeintlich Abtrünnigen gehäuft. Alle Frauen seien zum Schutz voll verschleiert. Über Maria G.s Fall weiß Schmidinger nichts. „Bei vielen ist es wohl wirklich so, dass sie nicht mehr getan haben, als Hausfrauen zu sein. Die sperrt man bei uns aber auch ein“ – wegen Mitgliedschaft im Terrorstaat.

Anwalt Johann Eder glaubt nicht, dass die junge Salzburgerin Böses begangen habe. „Dieses junge Mädchen wurde auf die falsche Spur gelockt. Die war schon in der Hölle.“ Die Lagerzeit sollte einer eventuellen Haftstrafe angerechnet werden. Für Maria G. gilt die Unschuldsvermutung.

Von Sonja Wenger

Am Foto: Maria G. riss mit 17 von daheim aus, reiste nach Syrien. Ihr erster Ehemann starb im Kampf, vom zweiten hat sie zwei Buben. Mit ihnen harrte sie bis zuletzt im Kerngebiet der Terrormiliz aus. „Dieses junge Mädchen wurde auf die falsche Spur gelockt.“ Bild: privat

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