Toter Monat ganz lebendig

Drei Eröffnungen im November – „Krämerei“ bis „Kulturschock“.

Nun kann man in Hallein nicht verhungern, die Stadt ist groß in bunter Kleingastronomie. Uns zog es zu Mutter und Sohn, Alexandra und Aaron Priewasser, denen wegen Erfolges ihre Genusskrämerei am Unteren Markt zu klein wurde. Jetzt haben sie die Goldene Kugel neu aufgesperrt, ein gut 500 Jahre altes Haus, behutsam renoviert, auch wieder mit warmen Speisen plus Feinkostladen. Man sitzt gemütlich, ein lebhaftes Bistro.

Die Karte ist klein und witzig. Stampf aus violetten Kartoffeln mit Gänseleber gemischt samt Kalbsbries (€ 14), sehr fein-würzig. Die Tarte des Tages (€ 7,80) war eine Quiche: Wie kann man aus dem Fadling Kürbis so ein volles, leicht scharfes Aroma zaubern? Die Bio-Schweinerei (€ 22) – eine Orgie: ein dickes, krustengekröntes Stück Bauch, kräftiges Kraut, Erd-äpfelgratin und dichter, brauner Saft, sehr gut. Der Höhepunkt, die Goldene Kugel (€ 9), die wirklich golden ist, kinderfaustgroß – und wenn man sie öffnet, Nougatcreme zeigt, vollmundig auf fruchtig-bitterer Orangensauce, toll. Einiges war haubenverdächtig. Schöne Weinauswahl.

Alexandra Meißnitzer, die angenehmste Stimme der ORF-Ski-übertragungen, ist ja auch Gastronomin. Ihr Genussprojekt zog aus der Randlage von Salzburg-Liefering auf den Ursulinenplatz (wobei der alte Standort weiter bespielt wird). Hinter dem Rücken von Lüpertz’ Mozart-Figur entstand eine moderne Bar, in der es vom Frühstück weg ganztägig warme Küche gibt mit dem Erfolgskonzept: crossover. Knusprige Kürbispralinen mit frischem Salat (€ 11,90), gebratenes Lachsforelle-Filet (€ 14,90) mit karamellisiertem Fenchel und Curry-Sauce, perfekter Kalbsrücken (€ 17,90) in Madeirasauce samt Erdäpfelpüree. Tadellos und doch in den Schatten gestellt von Patisseuse Madeleines Bananenschnitte (€ 5,90): sanft vermählt mit Nougat und Schokolade, wunderbar.

Wahrscheinlich erleidet der gestandene Bayer im Neuwirt zu Surheim einen Kulturschock. Drinnen leuchten bunte Murano-Luster auf Stühle in hellblau oder rosa, Blümchenkissen schmücken die Bänke. Lieblicher Landhausstil auf dem Dorf nördlich von Freilassing. Wer’s noch nicht wusste, weiß es jetzt: Eine Berühmtheit deutscher Magazine ist vom Chiemsee hergezogen. Manja Wolf-Voit, Vorkämpferin für vegetarische Kost, hat sich ausgerechnet in einen Fleischkoch verliebt: Christian Strasser, junger Eigentümer vom Neuwirt. Womit es dort vorbei ist mit dem Schnitzel-Mittwoch, Fleisch gibt’s nur noch am Sonntag. Und die alte Wirtshaus-Einrichtung fiel in den Farbtopf.

Bunt wurde auch die Karte. Karotten-Ingwer-Suppe kam knallorange im Glas-Töpfchen als Vorspiel zum Mittagsmenü (€ 9,90 samt Getränk). Freuden für Vegetarier auf dem Teller des Orientsalats mit Falafel und Taboulet, mit gegrilltem Hokkaido-Kürbis und gebackenem Ziegenkäse – tadellos, befand die Tochter, fleischlos lebend seit Jugendzeit. Der Vorkoster schwärmte derweil vom Risotto, gefertigt aus bayerischem Reis. Aus was? In Wahrheit aus der uralten Getreideart Perl-Emmer, geerntet im nahen Fridolfing. Geröstete Schwammerl dazu, erstklassig. Der Tarte aus Mousse au chocolat (€ 3,90) glaubte man die vegane Entstehung nicht, nur Kakao und Pflanzenfett und doch vollstes Schoko-Aroma. Wer trauert da noch dem gestandenen Wirtshaus-Essen nach?

genusskraemerei.at, genussprojekt.at, neuwirt-surheim.de

Am Bild: Manja und Christian im neuen Neuwirt. Bild: neuwirt-surheim.de