Wenn ich mal groß bin

„Was wolltest du werden, als du noch ein Kind warst?“, hat mein Sohn mich gefragt, und die Antwort ist: genau das.

Ich wollte werden, was ich bin. Ich wollte, seit ich im Alter von acht Jahren „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende gelesen habe, selbst schreiben. Seine Frage hat mich innehalten lassen und zum Nachdenken gebracht. Über das Bild, das ich von mir hatte, über diese vage Vorstellung von mir in der Zukunft – die sehr weit weg war. Man kann sich das nicht ausmalen, wenn man klein ist, die Fantasie reicht nicht aus. Alle, die älter sind als die eigenen Teenie-Idole, empfindet man als kurz vorm Grab. Dass man selbst mal Mitte dreißig sein wird? No way.

Karikatur Thomas Selinger. Bild: www.seli.at

Es ist außerdem schwierig, die kindlichen Pläne mit der Realität zu vereinbaren, allzu oft macht einem das Leben einen Strich durch die Rechnung und einen Schnitt durch die Träume. Vielleicht waren die Wünsche von damals eh klassisch und weit hergeholt, Astronaut oder Balletttänzerin, evoziert durch ein Narrativ aus einem Kinderfilm oder einem Kinderbuch. Vielleicht hat man sich weiterentwickelt, auf dem Weg etwas Neues entdeckt, das interessanter war und den eigenen Talenten mehr entsprach.

Vielleicht aber lagen da auch zu große Steine im Weg, man hat sich nicht drübergetraut, hat es sich womöglich von anderen ausreden lassen, den Eltern beispielsweise, und ist insgeheim enttäuscht, weil man weiß: Dieser Beruf, der hätte viel besser zu mir gepasst, der hätte mich glücklich gemacht.

Das Schöne an der heutigen Zeit ist, dass es kein Stigma mehr ist, eine andere Richtung einzuschlagen. Sich neu zu erfinden. Etwas zu wagen. Früher ist man halt geblieben, hat ausgeharrt jahrein, jahraus, hat denselben Job gemacht von der Lehre bis zur Pension und ist ganz grau geworden dabei. Die jüngste Generation lebt jedoch nicht mehr so. Wenn die Konditionen nicht passen oder sich eine neue Chance auftut, zieht sie weiter. Viele brauchen zum Arbeiten nur noch einen Laptop, und der lässt sich überall anschließen – ob in Wien oder auf Bali. Den Studiengang zu wechseln, einen bunten Lebenslauf zu haben, ist im Jahr 2019 kein Manko mehr, sondern oft ein Pluspunkt.

Das ist eine Erleichterung und führt hoffentlich dazu, dass mehr Menschen letztlich dort landen, wo sie hinwollen – und wo sie ihre berufliche Erfüllung finden. Wie war das bei Ihnen, denken Sie darüber noch nach? Sind Sie dort, wo Sie sich gesehen haben, als Sie klein waren? Und was wollen Sie werden, wenn Sie noch größer sind als jetzt?

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at