Öko-Bilanz mit Schock

Saibling kontra Karpfen.

Man isst ja heute nicht nur einen Fisch. Man verspeist eine ganze Klima-Debatte mit. Und deshalb kommt man selbst bei Traditionen ins Grübeln. Unsere Familie genießt zu den kommenden Feiertagen geräucherten Saibling, Nachbarn lieben den Weihnachtskarpfen. Und wie ist das mit der Öko-Bilanz? Die Recherchen begannen mit einem Schock.
Wir waren im Sommer in der Steiermark auf Urlaub, Ferienwohnung samt Baden im riesigen Karpfenteich. Der dortige Teichwirt klärte uns auf über den Unterschied zwischen Raubfisch (Saibling, Forelle) und Friedfrisch (Karpfen). Der eine frisst kleinere Fische, der andere weidet Algen ab oder bekommt Getreide gefüttert. Und dann kam der Satz: „Wenn du heute ein Kilo Forelle isst, verzehrst du in Wahrheit fünf Kilo Meeresfisch“. Uff!
Auf nach Grödig zu Walter Grüll, Feinkost-Fischhändler und Feinspitz. In der Debatte ist er eigentlich klimaneutral, er verkauft das ganze Jahr gezüchtete Saiblinge wie Forellen und zum Jahresende 700 Kilo Karpfen. Aber jetzt sagt er: „So ein Blödsinn!“ Wobei das kein grundsätzlicher Ärger ist. Unbestreitbar brauchen die Raubfische tierisches Eiweiß im Futter, heute in Form von Fischmehl. Und das stammt tatsächlich vom Meeresgetier. Aber die Zahl sei falsch: „Wir brauchen heute für ein Kilo Zuchtfisch zwischen 1 und 1,2 Kilo Meeresfang.“ Soja, Weizen und Bohnen ersetzen immer mehr das Fischmehl – einfach, weil das viel zu teuer sei.
Fischmehl: Das war früher mal der Abfall. Fischer fuhren auf die See, filetierten den Großfang,
die Reste und der Beifang wurden an Land zermahlen. Heute werden Trawler losgeschickt, nur um Meeresgetier in Fischmehl zu verwandeln. Hauptproduzenten sind Chile und Peru. Und dieses Fischmehl ist notwendiger Teil des Futters von Forellenzuchten. Man muss sich von der Vorstellung rein regionalen Wirtschaftens verabschieden: Der heimische Saibling aus dem Bach im Nachbartal ist zum Kind der
Globalisierung geworden. Wobei darin auch ein Fortschritt steckt; denn vor 30 Jahren noch wurden die Fische mit Schlachtabfällen gefüttert (da verzehrte man mit einem Kilo Forelle wohl fünf Kilo Schwein), was zudem die Bäche enorm belastet hatte.
Und der Karpfen? Der hat
eine weiße Öko-Weste. Grundsätzlich ein Vegetarier – nun ja, wenn ihm ein kleiner Fisch vors Maul schwimmt, beißt er auch zu. Und sein Verwandter, der Amur, lebt tatsächlich vegan, frisst wie eine Kuh nur Grünzeug. So einen Graskarpfen haben wir in
der Steiermark im Rohr gegart und mit Vergnügen verzehrt. Weißes, wohlschmeckendes Fleisch und lange y-förmige Gräten,
die leicht zu finden waren. Denn für Gräten-Paranoiker sind die Karpfen nichts, wobei unsere Nachbarn offenbar gut damit umgehen können. Und einige der Tiere „moseln“, schmecken muffig.
Vom Fachmann erfuhren wir: Das komme davon, wenn zu viele Fische in zu wenig Teich leben müssen. Auf Futtersuche durchstöbern die Karpfen dann den Schlamm und fressen Algen mit Rote-Bete-Aroma. Aber das schwindet nach dem Fang im klaren Wasserbecken.
Also gibt’s nun zu den Feiertagen Karpfen statt Saibling? Da spielt die Familie sicher nicht mit, Traditionen sind zäh und Saibling schmeckt toll. Man sollte halt nur wissen, wie tief wir drinstecken in der Globalisierung.

Bild: VOKO