Mit dem Kabel durchs Stiegenhaus

Warum das Aufladen von E-Autos in Wohnanlagen pure Schikane ist. Und Österreich weit hinten ist.

Der technische Angestellte Alfred P.  (42) besitzt in Salzburg-Schallmoos eine Eigentumswohnung und fährt ein Fahrzeug mit Hybridantrieb. Dessen Akku wird über den Verbrennungsmotor und an der Steckdose geladen. Zwar kann der Engineering Manager sein Auto bei seiner Arbeitsstelle laden, an Wochenenden hat er jedoch ein Problem: Er würde gerne an seinem Tiefgaragenplatz laden – natürlich auf seine Kosten –, doch ein einzelner Nachbar blockiert die Installation einer  Ladebox, schildert P.

52 Nachbarn um Zustimmung gefragt

„In unserer Wohnanlage gibt es 52 Eigentümer in mehreren Häusern. Von 51 habe ich problemlos die Zustimmung bekommen, einige wollten mehr wissen. Der Einzige, der nicht unterschreiben will, hat eigentlich keinen wirklichen Grund genannt. Es interessiert ihn einfach nicht“, beschreibt Alfred P. eine typische Situation in Eigentümergemeinschaften. Und so behilft der Hybridfahrer sich zwischendurch mit einem Stromkabel, das er aus seiner   Wohnung über das Stiegenhaus in die Tiefgarage legt. Andere E-Mobilisten schwingen das Kabel auch schon Mal durch das Fenster zum Auto.

Das Problem: Einstimmigkeit der Eigentümer

Es ist in Österreich fast nicht möglich, kostengünstige Ladestationen in Mehrparteienhäusern zu errichten. Das Wohnungseigentumsgesetz erfordert für bauliche Eingriffe in die allgemeinen Teile einstimmige Beschlüsse der Eigentümerversammlung. Was in der Praxis oft ein  Spießrutenlauf ist.
Das Problem ist der Politik seit langem bekannt. „Das hat schon so einen Bart“, meint die Wiener Anwältin Daphne Frankl-Templ, Autorin eines Praxishandbuchs (Elektromobilität und Recht, Manz Verlag Wien, 2018). „Der einfachste Weg wäre, die Errichtung einer Ladestation  zu privilegieren, so wie das  bereits für Stromleitungen und Multimediadienste im Wohnungseigentumsgesetz gilt. Dann müssen die anderen Eigentümer das dulden.“ Wie in Deutschland oder Frankreich sollte man auf gemeinschaftliche Lösungen und einfache  Mehrheiten  abzielen. In Österreich überlässt man dies unerschrockenen Einzelkämpfern – die sich beim Verkehrsministerium einen langen, komplizierten Musterantrag herunterladen können, um damit auf „Betteltour“ durch die Hausgemeinschaft oder auch zum  Außerstreitrichter zu gehen.

Ministerium bremst

Die Anpassung des Wohnrechts scheitere auch daran, dass das Justizministerium sich auf keine technische Lösung festlegen will, weiß Expertin Frankl-Templ. „Sie wollen abwarten, ob sich am Ende Strom, Wasserstoff oder etwas ganz  Anderes durchsetzen wird.“ Österreich täte gut daran, einmal eine „tatkräftige Vorreiterrolle einzunehmen“, kritisiert die Juristin.

Das Ziel: 1,5 Millionen private Ladeboxen bis 2030

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen laut der staatlichen Mobilitätsagentur Austria-Tech bis 2030 1,5 Millionen  private Lademöglichkeiten errichtet werden. Im öffentlichen Ladenetz gibt es 5500 Zapfstellen.
Man sei weit von der Zielvorgabe entfernt, heißt es beim Bundesverband für Elektromobilität (BEÖ), dem Spartenträger der heimischen Energieträger. Es brauche mehr politische Schubkraft, sagt die BEÖ-Vorsitzende Ute Teufelberger: „Die Elektromobilität wird nur dann massentauglich werden, wenn das Nachrüsten in Mehrparteienhäusern einfacher wird. Da geht es um die häufigste urbane Wohnform.“ Es müsse vor allem das Einstimmigkeitsprinzip im Wohnrecht abgeschafft werden und brauche Lösungen für Wohnanlagen sowie einfach vergleichbare Tarife.
Tatsächlich ist das öffentliche Netz teuer und intransparent  geworden. „Verrechnet wird nach Zeit, Kilowattstunden, manche kombinieren das auch mit Parkgebühren“, so  Expertin Frankl-Templ. In Deutschland werde dieser Wildwuchs gerade rigoros bereinigt.

Lehrverrohrung im Neubau ist die halbe Miete

Die Salzburg AG betreibt landesweit 126 Ladestationen und hat seit 2011 rund 1000  Wallboxen verkauft, zumeist an Hausbesitzer, die diese problemlos montieren können. Auch bei Bauträgern und Garagenbetreibern gebe es ein großes Interesse, sagt Saskia Heller von der Pressestelle. Für sie biete man eigene Lösungen an. Der nachträgliche Einbau von Wallboxen sei ebenfalls möglich, zuvor müsse eine technische Prüfung der Hausinstallationen und   Stromkapazität erfolgen. „Wenn mehrere Autos gleichzeitig laden, wird die Stromzufuhr intelligent gemanagt. Wir empfehlen dann  eine Gemeinschaftsanlage mit digitaler Anbindung.“
Christian Struber, Chef der Salzburg Wohnbau, sieht die öffentliche Hand  gefordert. „Die Schaffung von Infrastruktur ist nicht die Aufgabe von Mietern oder uns Genossenschaften. Wir bauen ja auch keine  Tankstellen.“
Die beste Lösung im Neubau ist, eine Lehrverrohrung in der Tiefgarage vorzuhalten, damit sind zwei Drittel der Kosten erledigt. Das Salzburger Bautechnikgesetz schreibt dies ab 50 Stellplätzen vor, was im Bundesvergleich laut Frankl-Templ sehr wenig sei. Beim Projekt Riedenburg scheiterte die Errichtung von unterirdischen Ladestationen angeblich am teuren Schnelllader, der 70- bis 100.000 Euro kostet. ÖVP-Bautensprecher Josef Singer sagt, die kommende Regierung werde Verbesserungen schaffen. „Man wird nicht alle Eigentumsrechte über Bord werfen können. Aber die 100-Prozentzustimmung kann nicht bleiben.“

Sonja Wenger