Auf Jagdfieber im Second-Hand-Laden

Einkaufen in Second-Hand-Läden boomt. Warum Kleidung keine Wegwerfware ist.

Als sich die Glastüre des Geschäfts im Salzburger Andräviertel öffnet, blickt Nadine Idinger auf. Sie sitzt hinter einem kleinen Ladentisch, von dem aus sie die Passanten am Schaufenster vorbeieilen sieht.
Das Geschäft, mit dem sie sich im Alter von 43 Jahren selbstständig gemacht hat, wirkt ordentlich und sogar ein bisschen schick. Zumindest ordentlicher und schicker als sich so mancher einen Second-Hand-Laden üblicherweise vorstellt. Kein Wühltisch. Kein chaotisches Durcheinander. Keine Neonschilder. Kein Modergeruch. Stattdessen: nach Farben sortierte Jacken, Blusen und Mäntel und Kristallleuchter an der Decke.
Kleidung aus zweiter Hand zu kaufen, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Konsumbewusstsein steigt und Second-Hand-Läden sind fester Bestandteil der Einkaufsstraßen geworden. Zwischen den Jahren 2011 und 2017 ist in Österreich der Umsatz des Einzelhandels mit Antiquitäten und gebrauchten Produkten um 124 Millionen Euro gestiegen, wie die Daten von Statistik Austria zeigen. Bis zum Jahr 2019 wurde ein weiterer Anstieg prognostiziert – auf 307 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.

In Second-Hand-Läden weiß der Kunde nie genau, was er findet. Stattdessen begibt er sich bei jedem Besuch auf die Suche nach Liebhaberstücken. So auch im „FeinGewandet“ von Nadine Idinger. Bild: Anna Boschner

Second Hand: Raus der Öko-Ecke

Warum wird Einkaufen in Second-Hand-Läden immer beliebter? Zum einen bieten sie die Möglichkeit, kräftig zu sparen. Nadine Idinger, die Besitzerin jenes Ladens in der Salzburger Neustadt, sagt: „Man weiß nie, welche Schätze im Laden auf einen warten. Das führt manchmal regelrecht zum Jagdfieber.“ Idinger ist sich zudem sicher: „Meine Kundinnen suchen nach besonderen Kleidungsstücken. Nichts, das nur eine Saison in Mode ist und dann in der Altkleidersammlung landet.“ Dabei verkauft Idinger nicht ausschließlich Markenware.
Eines haben die Blazer, Blusen, Hosen und Jeans im „FeinGewandet“ aber gemeinsam: Sie sind alle entweder neu oder selten getragen. „Fast jede Frau hat Fehlkäufe in ihrem Kleiderschrank“, weiß Idinger. Das besagt auch eine Umfrage von Greenpeace: Jedes achte gekaufte Teil liegt ungetragen im Schrank. Durchschnittlich besitzen 14- bis 69-jährige Österreicherinnen 85 Kleidungsstücke. Doch diese haben nur eine Lebensdauer von maximal drei Jahren. Das Resultat: Fast Fashion und Modetrends von heute machen den Müll von morgen.
Langsam jedoch beginnen die Menschen umzudenken. Ob auf Online-Plattformen, Kleidertauschpartys, Flohmärkten oder in Second-Hand-Läden: Gebrauchtem hängt längst kein muffiges Image mehr nach.

Anna Boschner