Menschen schlagen als Wochenend-Kick

Was tun mit Burschen, die anderen für ein paar Euros die Knochen brechen?

Sie nennen sich „Bro“, Bruder, tragen schwarze Trainingsanzüge, Kinnbart mit scharfer Undercut-Frisur und machen die Gesten der Rapper nach. Einige trainierten Kickboxen oder taten zumindest auf Facebook so. Auf ihren Handys schauten sie Snuff-Videos, die zeigen, wie Menschen real gequält werden.

Und am Wochenende schritten sie selbst zur Tat: 13 Jugendliche und junge Männer aus Salzburg, die Jüngsten 15, der Älteste 28, alle mit Migrationshintergrund, bildeten eine Gang, die für eine ganze Serie von Überfällen rund um die Lokalmeile in der Altstadt verantwortlich gemacht wird. Von Ostern bis Juni soll die Gruppe mindestens 15 Raubüberfälle begangen oder versucht haben. Neun Geschädigte, meist junge Nachtschwärmer, wurden zusammengeschlagen, beraubt und teilweise erheblich verletzt. Der Strafakt schildert eine sich steigernde Brutalität, die man einsetzte, um an ein paar Euros zu kommen.

„Die sind nicht mittellos. Die kommen meist aus Familien, wo die Eltern arbeiten.“ Hans Wolfgruber, Polizeisprecher

Tritte gegen den Kopf

In einer Nacht beraubten sie gleich zwei junge Passanten, begannen mit einem „wuchtigen Schlag mit einer halbvollen Bierdose ins Gesicht“, worauf das Opfer zu Boden ging. Es folgen die trockenen Beschreibungen roher Gewalt: „gegen die Wand gedrückt, sprachlich bedroht“, dann „ein Tritt gegen das Knie, weil das Opfer sich wehrte“. Die Überwachungskamera einer Bank filmte, wie ein junger Mann durch „einen Schulterwurf“ in die Luft flog, was beim Aufprall einen „Sprunggelenksbruch“ bewirkte. Andere wurden „am Hals gewürgt“, und alle bekamen ab, was heute zum Standard tätlicher Auseinandersetzungen gehört: „Faustschläge und Fußtritte gegen Kopf und Körper des auf dem Boden Liegenden“.

Die Folgen für die Geschädigten: Prellungen des Unterkiefers, des Knies, Hautabschürfungen, doppelter Kieferbruch mit anschließender Operation im Krankenhaus. Als Beute machte die Gang Summen von 20 Euro, 30 Euro und die Mobiltelefone, wofür man sich die nächsten Alkoholika im Lokal bestellte.

„Die haben diese Überfälle gefühlsmäßig als Freizeitbeschäftigung gemacht.“ Rene Fischer, Anwalt

Die Polizei konnte die Gruppe Zug um Zug ausforschen. Bis heute sitzen sie in Untersuchungshaft: Unter ihnen Tschetschenen, Afghanen, Syrer, Bosnier, ein Türke und einige Österreicher aus Zuwandererfamilien.

Die meisten seien polizeilich bereits in Erscheinung getreten, sagt Polizeisprecher Hans Wolfgruber. „Das muss nicht heißen, dass sie vorbestraft sind, sondern dass sie bei Kontrollen in Jugendzentren oder Parks aufgefallen sind.“ Die Jugendlichen seien zumindest teilweise in der Schule gemeldet. Das soziale Milieu vordergründig nicht desolat. „Von einer Verwahrlosung oder Mittellosigkeit kann man nicht sprechen. Die kommen meist aus normalen Familien, wo die Eltern arbeiten“, so Wolfgruber.

„Wir sind Brüder“

Was sie eint, ist ein Identitätsgefühl, mit dem man sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt und einen muslimischen Männlichkeitskult pflegt, der wie aus der Zeit gefallen wirkt. Bei den Vernehmungen hätten die Burschen ständig auf ihr Ehrgefühl, ihre Herkunft und Loyalität untereinander verwiesen, so Wolfgruber. „Die sagen: Ich sage gegen meine Brüder nicht aus.“

Tatsächlich saßen vor den Kriminalbeamten auch blasse, schlaksige Jünglinge – und Söhne, die offenkundig mehr Angst vor den Eltern als vor der Polizei haben. So wagte der 18-jährige Türke einen geradezu absurden Ausbruchsversuch: Er flüchtete mitten im Verhör und musste am Ende von vier Beamten fixiert werden. „So etwas“, meint Polizeisprecher Wolfgruber, „sei extrem selten“.

„Das sind keine Jugendlichen, die Regeln und Disziplin einhalten können.“ Alija Dedoviv,
Thai Boxer

Der Brüderlichkeitskult ist längst – auch unter dem Einfluss der Eltern – zusammengebrochen. „Die Jüngeren putzen sich an dem 28-Jährigen ab. Einige Eltern sagen, er war der Kopf der Bande, er habe sie angestiftet“, schildert ein mit der Causa vertrauter Beamter. Der Bosnier bestreitet die Vorwürfe vehement. Der Mann lebt seit 15 Jahren in Salzburg, arbeitete zuletzt als Arbeiter bei einer großen Baufirma.

Sein Mandant, ein geschiedener, zweifacher Vater, passe nicht in das Gesamtgeschehen, sagt sein Verfahrenshelfer, der Zeller Anwalt Rene Fischer: „Er war nur einmal dabei. Er hat schon mal gescheit hingeschlagen, aber er wusste nicht, dass dem Opfer Geld abgenommen wurde. Der hat keine Geldnot, dass er einem zehn Euro stehlen müsste.“ Der Bosnier habe ein Opfer sogar geschützt. Als der Mann, den man durch die Luft warf, um Gnade bat und meinte, er sei gerade Vater geworden, habe der 28-Jährige gesagt: „Lasst ihn in Ruhe.“ Allerdings, so der Anwalt: „Gefühlsmäßig haben die das als Freizeitbeschäftigung gemacht.“

Was sagt man in der Szene, die von der jungen Gang besonders verehrt wird, bei den Kampfsportlern, den Streetfightern und Mixed Martial Arts-Kämpfern (MMA), zu dieser Form von Aggression? Alija Dedovic, leitet ein Center für Thai Thai Boxing und MMA. Der 34-Jährige aus Bosnien: „Es ist sehr schwer an diese Jugendlichen heranzukommen. Das größte Problem ist, dass die arbeitslos sind. Mich hat am meisten meine Lehre verändert. Das sind aber keine Menschen, die Regeln einhalten und wirklich trainieren. Die kommen vielleicht einmal, die halten die Disziplin dann aber nicht durch.“ Extrem negativ wirke sich auch die gängige Praxis der Justiz aus, mehrere Bewährungsstrafen hintereinander auszusprechen, sagt ein Staatsanwalt. „Da nimmt dich keiner ernst.“

Von Sonja Wenger

Zum Bild: Die Jugendlichen leben einen Männlichkeitskult und verehren den Typus des Muslim-Fighters. Bild: Facebook