Das Dilemma mit den Speedtouristen

Sieben Länder in zehn Tagen. Wie chinesische Reisegruppen Europa abgrasen und zum Buhmann für den globalen Massentourismus wurden.

Die Busse kommen aus Kroatien, Ungarn, Tschechien oder  Rumänien, wo man die Gäste aus Fernost zusammensammelt. Die Reisebegleiter hängen rote Bänder oder Fähnchen auf, ein chinesisches Glückssymbol – und dann geht es los, tausende Kilometer durch Europa. Sieben Länder in zehn Tagen – man zieht die Reisepakete mit asiatischer Disziplin durch. Eine Stunde Besichtigung, Essen beim Chinesen, Nächtigung in Ein- bis Dreisternebetrieben. Der einzige Luxus ist oft ein garantierter Fensterplatz im Bus, weiß man im Gemeindeamt von Hallstatt, wo man viel Erfahrung mit internationalen Gästen hat. Der malerische Ort wird wie kaum ein anderer in Österreich vom entfesselten, globalen Tourismus überrollt, den die Reiseindustrie, Billigflüge  und der weltweit wachsende Wohlstand hervorbringen.

Londoner Preise in Hallstatt

900.000 Besucher strömen jährlich in die 770-Seelengemeinde, im Sommer erreicht das Preisniveau  Londoner Verhältnisse: 290 Euro für ein Doppelzimmer, 1700 Euro für eine Woche mit Balkon und eingeschränktem Blick auf den See, fürs Apartment am Wasser legt man  3600 Euro ab.  Einheimische berichten von Drohnen vor ihren Schlafzimmerfenstern, die bisweilen zerstört werden, auf Booking.com   wird das Preis-Leistungsverhältnis beklagt.
„Frühstück bei diesen enormen Preisen nicht mal dabei, es hätte 15 Euro gekostet!!!!!!!!!!!!“, ärgert sich Waltraud aus Italien, „schlecht service mit hoch preis. Es lohnt sich nicht“, warnt ein chinesischer Gast aus Deutschland. Und Besucherin Nahal kam in der toten Zeit im November: „Restaurants und Geschäfte hatten alle ab 18h geschlossen!!!!  Selbst die Straßenbeleuchtung war teilweise um 19h schon aus.“
„Die Drohnenflüge haben stark nachgelassen, die Verbotstafeln wirken. Die Chinesen sind höflicher als so mancher andere Gast“, sagt Angelika Wiesholzer, Geschäftsführerin der Parkplatzbetriebs-Gmbh PEB, die am Ortsrand einen großen Busparkplatz von den Bundesforsten gepachtet hat. Die Preise seien dem Tourismus angepasst, aber, ergänzt Wiesholzer, „natürlich sind die Leidtragenden die Bewohner, weil es auch um die Preise in den Geschäften und für das Wohnen geht.“ Ab dem Frühjahr 2020 führt  Hallstatt ein Slot-System mit Zeitfenstern für Busse wie in Salzburg ein. Man will die Zahl von zuletzt 19.344 Reisebussen jährlich spürbar senken. Zudem wird ein Mindestaufenthalt von  2,5 Stunden vorgeschrieben, was die Konsumausgaben der Tagesbesucher ankurbeln soll.  Die Parkgebühr von 40 Euro für Busse wird auf 60 bis 80 Euro angehoben.

Salzburg-Werbung in China

China hat mit 130 Millionen Auslandsreisen im weltweiten Massentourismus längst die USA überholt. Für 2025 werden 200 Millionen Auslandsreisen prognostiziert, die Ankünfte und Nächtigungen in Österreich haben sich in neun Jahren verfünffacht, sind mit 2,37 Millionen aber lediglich ein Tropfen im heimischen Gästemeer mit 150 Millionen Nächtigungen, 45 Millionen Ankünften. Politisch pikant ist, dass Ex-Kanzler Kurz beim Staatsbesuch im Jänner in China bekanntgab, den China-Tourismus in Österreich verdoppeln zu wollen. Denn in Salzburg will man das Aufkommen einbremsen.
Bürgermeister Harald Preuner will eine dreijährige Kooperation zwischen der Stadt-Tourismus  GmbH (TSG)  und  der Salzburg Land Tourismus GmbH  für China auslaufen lassen. Salzburg beschäftigt zusammen mit Innsbruck eine Freelancerin vor Ort, die Kontakte zur Reiseindustrie und den Medien hält und die Webseite der Tourismus-Gesellschaft bei Weibo und WeChat pflegt, Chinas größten Chat-Diensten, über die man kommuniziert, Selfies vom Europatrip schickt und bezahlt. Hauptaufgabe der Marktbearbeitung  sei, „Touristen für Nächtigungen in Salzburg zu gewinnen und sich um das wachsende Premiumsegment zu kümmern“, heißt es im Büro Preuners. Man wolle die Zahl der  Tagesgäste in der Stadt von rund 6 bis 6,5 Millionen pro Jahr einfrieren.

„Dann haben wir halt keinen Platz für dich“

Salzburgs Tourismuschef Bert Brugger hält das in der Praxis nicht für machbar. „Man kann das Phänomen des Massentourismus nicht in den Herkunftsländern lösen, das ist ein völliger Irrglaube.“ Außerdem sei die Debatte um den vielzitierten Zuvieltourismus (Overtourism) zu hinterfragen. „Die Leute gehen auch gerne in volle Fußballstadien oder zum Electric-Love-Festival. Es ist  ja nicht so, dass alle nur den stillen Wald suchen.“ Es würden in Zukunft noch mehr Gäste aus China, Indien oder den arabischen Ländern kommen. Die  Wertschöpfung des Stadttourismus liege bei 1 Milliarde Euro, die Hotellerie liege bereits bei „international guten 80 Prozent Zimmerauslastung“, sei aber dennoch begehrlich, so Brugger: „Wenn man zusammensitzt, heißt es: Wir müssen uns was für Jänner, Februar einfallen lassen, damit die Auslastung steigt.“
Andreas Gfrerer, Chef der Blauen Gans und Obmann des Altstadtverbands, kontert: „Was zur Überforderung führt, sind diese Gruppen, die sich organisch durch die Stadt bewegen. Das ist in den letzten Jahren sehr viel mehr geworden. Wenn ich  heute in den Louvre will, muss ich mich vorher anmelden. Für Reisegruppen könnte es dann halt heißen: Wenn du nur zwei Stunden bleibst, werden wir für dich keinen Platz haben.“

Sonja Wenger
sonja.wenger@svh.at

 

 

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