Ein Internetphänomen namens 1elf

Kriegen Sie auch manchmal Mails, bei denen Sie sich fragen, ob die Menschen jegliche Basishöflichkeit verlernt haben?

Und falls Sie sich jetzt in Gedanken wundern: Ausgerechnet das Zuckergoscherl regt sich über sowas auf, die ist doch so vorlaut – ja, schon, aber ich bin nicht unhöflich. Sondern überraschend gut erzogen. Ich bringe Gastgeschenke mit, grüße und bedanke mich, ich mache freundlich Konversation, und sämtliche beruflichen Mails, die ich schreibe, sind professionell. Sogar dann, wenn ich innerlich koche, weil sich das Gegenüber eben nicht professionell verhält.

Karikatur Thomas Selinger. Bild: www.seli.at

Diese Unart, den eigenen Grant ungefiltert auf die Tastatur zu rotzen, kann ich nicht nachvollziehen. Man würde doch bei einem Geschäftstreffen auch niemanden so anschreien? Zumindest nicht, wenn man danach noch mit demjenigen arbeiten will. Jedenfalls bekomme ich erstaunlich viele erstaunlich miese Mails, und ich finde das nicht in Ordnung.

Ich weiß, es liegt am Internet. Ich weiß, es liegt an der Distanz. Weil man sich eben NICHT gegenübersitzt, sondern nur auf einen Bildschirm starrt – da gibt es kein Gesicht, in das man all diese Dinge hineinsagen muss (vielleicht sollte man sich das beim Formulieren aber vorstellen, um netter zu werden?), vielmehr tippt man sie in ein emotionsloses weißes Feld. Da rutscht einem halt schon mal die Hand aus und bleibt auf den Rufzeichen picken.

Es gibt ein Internetphänomen namens 1elf, das genau das bestätigt: In all der Aufregung wird die Shift-Taste mit der linken Hand nicht immer durchgängig gedrückt, während man aber 27 Rufzeichen machen will. Da die Rufzeichentaste, wenn sie nicht hochgestellt ist, einen 1er macht, sieht das dann so aus: !!!1!!11!!!

Besonders oft sieht man 1elf in den Hasskommentaren unter Postings von beliebten Fernsehshows oder Parteien mit Urlaubsdomizil in Ibiza. Anderes Level, würde man meinen, aber mir kommt vor, dieses unreflektierte verbale Auskotzen nimmt auch in der „normalen“ virtuellen Kommunikation immer mehr überhand.

Anders kann ich mir nicht erklären, dass man mich ständig anschnauzt! Mir so viele Rufzeichen schickt! Jeden Satz so enden lässt!!! Am Textcollege hatte ich einen Professor, dessen Aussage habe ich mir gemerkt: „Verwenden Sie nie mehr als ein Rufzeichen, wenn Sie ernst genommen werden wollen.“ Ich antworte deshalb auf die 1elf-Mails sehr ruhig und gelassen (nachdem ich durchgeatmet und meinen inneren, sich aufbäumenden Widder besänftigt habe), denn man kann auch sagen, was Sache ist, ohne ausfallend zu werden. Punkt.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at