Bewohner rebellieren gegen „die Invasion“

Drogen, Sex und Menschenmassen unter den Fenstern. Warum Bewohner aus der Salzburger Altstadt flüchten.

Rund 10.800 Menschen leben noch in der Salzburger Altstadt. Doch immer mehr flüchten aus der schönen Kulisse. Das Leben, sagen sie, sei inmitten der erdrückenden Menschenmassen und der Krach-Eventkultur nicht mehr gut. Hören wir ihnen zu.

Ein Kübel Wasser auf die Gasse geschüttet

Doris Hübner lebt seit 45 Jahren im sogenannten Ankerhaus an der Judengasse über dem Waagplatz (einst „Gerichtshaus und Stadttrinkstube“). „Ich wohne schon lange in der Altstadt. Und ich betone, wir leben gerne hier. Aber mit dem Tourismus geht das jetzt  nicht mehr.  Es ist eine Invasion. Ab 10 Uhr kannst du als Einheimischer nicht mehr hinausgehen. In der Nacht schlafen wir mit Kopfhörern und geschlossenen Fenstern.“ Von oben kann die 74-Jährige auch beobachten, was sich im nahen Döllerergässchen abspielt. Die abgelegene Gasse, die mit der Lokalmeile am Rudolfskai verbunden ist, wird für  Zwecke genutzt, wie man sie eher aus dem Mittelalter kennt. „Dort verrichtet man die Notdurft und macht Geschlechtsverkehr, dort wird mit Drogen gedealt. Die Araber breiten ihre Teppiche aus und beten. Zuerst die Frauen, dann die Männer“, weiß Frau Hübner. Eine andere Bewohnerin  hat, wie sie verrät, „auch schon mal einen Kübel Wasser runtergeschüttet.“ Doris Hübner hat nun eine Unterschriftenaktion  gestartet, „weil wir uns die Zustände nicht mehr bieten lassen wollen.“ Wenn sie die Polizei rufe, weil „gehascht und geschrien wird“, sagten ihr die Beamten: Der Magistrat sei zuständig. Dort verweist man die  hilflosen Anrainer zurück zur Polizei.

„Der Tourismus nimmt den Menschen Lebensraum“

Der Energieberater Harald Kuster und seine Frau sind   nach zehn Jahren am Waagplatz   nach Anif gezogen. „Zum Schluss war es  unerträglich. Allein schon die Parksituation. Du kriegst zwar eine Ausnahmegenehmigung, aber das Auto hat ständig Kleinschäden gehabt. Einmal hat einer einen Blumentopf auf das Dach gestellt“, beschreibt Kuster die Auswirkungen der Eventkultur. „Ob das Wolfgang Ambros war, Langlaufen, Skispringen oder Beach Volleyball, wo man bei jedem Spielzug DJ Ötzi abgespielt hat, dass die Fenster gewackelt haben. Es war nervenzerfetzend.“ Kuster wäre für Zugangsbeschränkungen, denn: „Die Leute werden schon richtig aggressiv, weil der Tourismus einem zunehmend den Lebensraum wegnimmt.“

„Lärm grenzt an Körperverletzung“

Die Stadt beschränkt die Veranstaltungen in der Altstadt nunmehr auf 90 Tage im Jahr. Der Psychologe und Psychotherapeut Helmut Schwanzar mit Praxis am Alten Markt ist „grundsätzlich für Veranstaltungen, weil sie die Stadt lebendig machen.“ Mit Schaudern erinnert er sich jedoch an das Guggemusik-Festival, mit dem der Kulturausschuss den Salzburgern die  alemannische Fasnachtsart mit  schräger Blasmusik („Katzenmusik“) näher brachte. Er habe zu der Zeit ein Ausbildungsseminar  abgehalten, erzählt Schwanzar. „Als wir loslegen wollten, stellte sich unter meinen Fenstern eine Guggemusikgruppe auf und begann einen Höllenkrach. Obwohl wir beide Fenster zumachten, konnten wir uns nicht mehr unterhalten. Man musste schreien, um vom anderen gehört zu werden. So ein Lärm grenzt fast an Körperverletzung“, meint der Therapeut. Es kam eine Band nach der anderen. Am Ende wechselte der Psychologe mit Hilfe eines Hausmeisters  in einen abgeschotteten Seminarraum der Theologischen Fakultät.  Er habe sich  damals nicht  beschwert. „Wo auch?“, meint der Anrainer.

„Ein Chinese spuckte mir vor die Füße“

Im Büro von Bürgermeister Harald Preuner stehe der Tourismus zurzeit sehr weit oben auf der Tagesordnung, schildert Büroleiter Bernd Huber. „Wenn 50 Millionen Chinesen sich auf einmal einen Städtetrip leisten können, spüren wir das natürlich.“ Man arbeite bereits am Eventkalender für  2020, wo nur noch einige wenige Tage frei sind (und 100 Jahre Festspiele anstehen), habe die Zahl der Reisebusse auf 37.000 gedrückt. Die Tourismus GmbH wurde angewiesen, die Bewerbung im asiatischen Raum zurückfahren. Möglicherweise ist das eine kluge Entscheidung. Denn die Bevölkerung sagt es dem Bürgermeister brühwarm hinein, wo es drückt. Ihm habe zuletzt ein Chinese vor die Füße gespuckt, schrieb ein Stadt-Salzburger Preuner jüngst per Email.  Ob man sich das eigentlich bieten lassen muss?

Sonja Wenger
sonja.wenger@svh.at

Am Bild: Doris Hübner lebt seit 45 Jahren in der Altstadt. Bild: Mike Vogl / Vogl-Perspektive