„Wir werden mobile Bäume brauchen“

Bäume kühlen die Stadt. Mehr zu pflanzen wäre gut, ist aber schwierig.

Der Sommer 2019 dürfte ein Rekordsommer werden. Gerade in den Städten spürt man den Klimawandel. Wie wichtig Bäume (auch mobile) zum Kühlen überhitzter urbaner Flächen sind, schildert Angela Hof. Die Geografin forscht und lehrt am Fachbereich Geographie und Geologie an der Uni Salzburg. Hof untersucht im zweijährigen Projekt „Stadtbäume als Klimabotschafter“ mit Studenten und Schülern in Salzburg, Wien, Szeged u.a., wie Stadtbäume ökologisch wirken.

Salzburger Fenster: Wie wichtig sind Bäume für eine Stadt?

Angela Hof: Sehr wichtig. Bäume sind die Leistungsträger des Stadtklimas. Sie binden CO2, filtern Feinstaub, spenden Schatten und Kaltluft. 80 Prozent ihrer Kühlwirkung geht auf den Schatten zurück, 20 Prozent auf die Transpiration.

Was zeigt sich in dem Baumprojekt? Welche Bäume kühlen am besten?

Wir erforschen, wie das Stadtklima auf bestimmte Baumarten wirkt und wie diese umgekehrt auf das Stadtklima wirken. In den wärmsten Salzburger Stadtteilen wie dem dicht verbauten Norden und der Altstadt kühlen der Spitzahorn und die Linde bestens. Auch die Baumhasel gedeiht und kühlt gut. Diese Baumarten haben früh Laub und behalten es lange, sie kühlen daher ausgiebig.

Um wie viel Grad kann ein Baum die Luft kühlen?

Ein Baum kühlt die Luft in der Umgebung um bis zu fünf Grad Celsius. Asphalttemperatur im Baumschatten kann sogar um 19,8 Grad kühler sein als Asphalt in der Sonne. Das haben die Schüler beim Stadtbäume-Projekt gemessen.

Wie lange muss ein Baum dafür wachsen?

Die Baumhasel spendet ab etwa zwanzig Jahren guten Schatten. Wir sollten heute darüber nachdenken, welche Baumarten zukunftsfit sind. Stadtbäume müssen in den nächsten 60 Jahren noch mehr Hitze, Trockenstress und Starkregen aushalten. Zerreichen (eine Eichenart), Baumhasel und Robinien bieten sich an.

Um künftige Hitze erträglicher zu machen, sollten wir viele Bäume pflanzen?

Das würde viel bringen. Gerade im dicht bebauten Norden der Stadt. Aber Bäume konkurrieren auch in Salzburg mit Parkplätzen und erzeugen viel Laub, was Konflikte und Ärgernisse bringt. Neue Standorte für Bäume zu finden ist schwer. Außerdem ist der Untergrund voller Leitungen und Kanalrohre, Stadtbäume haben schwierige Rahmenbedingungen. Straßenbäume leben daher in der Stadt höchstens 80 Jahre.

Schätzen wir unsere Stadtbäume genug?

Die Bäume, die wir haben, sollten wir mehr wertschätzen und wieder lernen, wie eine Eiche, wie eine Linde ausschaut. Wenn man eine Baumart kennt, sieht man sie auch. Ganz viele Leute haben eine persönliche Beziehung zu einem Baum, darauf kann man aufbauen.

Kommen wir zu anderem städtischen Grün. Was bringt der grüne Rasen?

Wenig. Oft muss man ihn sogar bewässern. Bäume und Büsche brauchen das nicht und kühlen außerdem die Luft, ein doppelter Vorteil. Wer einen Garten hat, könnte mal darüber nachdenken. Von echten Grünflächen spricht man, wenn auf Gras auch Sträucher und Bäume stehen.

Wären mehr Dachbegrünungen nötig?

Ja, die fehlen in Salzburg. Meistens wird das mit den Kosten begründet. Man müsste eigentlich langjährige Kostenberechnungen machen. Grüne Dächer bringen langfristig der Gesellschaft Vorteile. Sie kühlen das Gebäude und das unmittelbare Umfeld, puffern Wassermengen bei Starkregen ab und ernähren Insekten. Es ist eine schwierige Frage, wie man Menschen, Gemeinden und Bauträger überzeugen kann, eine klimatische Leistung für das Quartier zu erbringen. Salzburg hat noch Nachholpotenzial.

 

Welche Städte sind Vorreiter bei der Begrünung?

Wien macht einiges an Fassadenbegrünung und will in den nächsten sechs Jahren 10.000 Bäume pflanzen. Dort

 

Wiens mobile Bäume. Bild: Daniel Auer

sind auch schon zehn Wanderbäume in mobilen Beeten im Einsatz. Die bringen bis zu drei Grad Abkühlung. Das werden wir in der Zukunft brauchen. Zumindest in heißen Phasen, in dicht verbauten Stadtteilen, wo man nicht so einfach Bäume pflanzen kann. Kalifornien streicht Straßenbeläge weiß, das mindert die Aufheizung. Wir können das an Gebäuden anwenden. Eine weiße Wand wärmt sich auf bis zu 40, eine schwarze auf bis zu 65 Grad.

Können wir uns von helleren Hauswänden kühlere Sommertage versprechen?

Ja und kühlere Nächte. Nachts strahlen dunkle Fassaden oder dunkle Straßenbeläge die Wärme lange ab. Ein Weg könnte auch sein, höher zu bauen und dafür mehr Grünflächen zu schaffen. Man muss die Dinge neu denken.

Beginnt die Politik, mehr auf Forscherinnen wie Sie zu hören?

Ja, wir stoßen zunehmend auf offene Ohren. Die Fridays for Future-Demonstrationen verbreiten eine weise Botschaft: Aktuell schieben wir den Klimawandel an. Wenn wir jetzt bremsen, wirkt sich das in den nächsten 100 Jahren aus. Die lange Sicht ist wichtig.

Von Sabine Tschalyj

Bild oben: Forscherin Angela Hof misst das Klima unter Stadtbäumen (im Bild vor einer 100 Jahre alten Eiche). Das Messgerät sendet laufend Temperatur und Luftfeuchte auf ihr Smartphone.  Bild: Sabine Tschalyj