Streit um Lärmpflicht für leise E-Autos

Blindenverbände, EU und UNO setzten künstliches Motorgeräusch durch. Kritiker: Vertane Chance.

Das Thema spaltet: Seit 1. Juli 2019 müssen neu typisierte Elektro- und Hybridautos ein akustisches Warnsignal abgeben, ab 2021 gilt das für alle E-Neufahrzeuge. Damit sollen Fußgänger, Radfahrer und insbesondere sehbehinderte Menschen vor lautlos daherkommenden E-Autos gewarnt werden. Bei Geschwindigkeiten bis 20 km/h ist ein künstliches Motorgeräusch (mindestes 56 Dezibel, maximal 75 Dezibel) zu erzeugen, das Aufschluss gibt, ob gebremst, beschleunigt oder rückwärts gefahren wird. Bei höherem Tempo macht das Abrollgeräusch der Reifen ohnedies den bekannten Verkehrslärm.

Unfall in Japan

Der EU-Verordnung  über die „Acoustic Vehicle Alerting Systems“, kurz AVAS, waren harte internationale Auseinandersetzungen vorausgegangen, in der  auch die UNO eine Empfehlung abgab. Vor allem die Blinden- und Sehbehindertenverbände, an der Spitze die Weltblindenunion, setzten sich für ein Warngeräusch ein, das  nicht abschaltbar sein sollte. Anlass war ein Unfall in Japan, bei dem ein blinder Fußgänger getötet wurde, nachdem  der Fahrer den  Alarm beim Rückwärtsfahren abgeklemmt hatte.  Herstellern ist der  Einbau von so genannten Pausenschaltern nun untersagt.

Es gäbe innovativere Lösungen

Josef Schinwald, Obmann des Salzburger Blinden- und Sehbehindertenverbands, sagt, lautlose Elektrofahrzeuge seien eine große Gefahr. „Ich bin erst gestern wieder in der Sigmund-Haffner-Gasse gegen ein E-Auto gelaufen, weil ich es nicht gehört habe. Wir wollen nicht mehr Lärm erzeugen, wir wollen  die Fahrzeuge  einfach nur  hören.“ Auch ihm sei es zu laut in der Stadt, meint Schinwald, aber er lade alle zu einem Blindtest ein, um die Lebenswelt von seinesgleichen zu erfassen. Der Blindenverband will  zur  Thematik auch einen Folder herausgeben.

Akut gerichteter Schall

Unstrittig ist, dass Sehbehinderte, ältere Personen oder  Kinder zu schützen sind. So  begrüßt der ÖAMTC die Geräuschpflicht. In Expertenkreisen diskutiert man jedoch über innovativere Lösungen, wie etwa gerichteten Schall, der mit den optischen Warnsensoren moderner Autos gekoppelt ist und Fußgänger akut warnt. Und all jene, die sich im öffentlichen Raum  gezielt digital abschotten, durch Kopfhörer und Handys, werden jegliche Warnsignale nicht mitbekommen.
Kritiker sprechen von einer vertanen Chance, die große Lärmquelle Verkehr menschengerechter zu machen. Ein Kommentator im Online-Forum des „Standard“ schreibt: „Wie wenn es nicht schon genug Lärm gäbe, muss man jetzt auch noch den Vorteil des geräuschlosen Fahrens verbieten. Man muss als Autofahrer ja sowieso aufpassen. Auch ein Radfahrer macht kein Geräusch. Ich freue mich schon auf die kreative Geräuschkulisse, wenn 50 Prozent der Kfz elektrisch sein werden.“

Sonja Wenger
sonja.wenger@svh.at

 

Verkehr verursacht die Hälfte aller Lärmstörungen

Straßenlärm macht in Österreich 50 Prozent der Lärmbelastung aus und ist gut kartografiert (Lärminfo.at). Gesetzlicher Grenzwert sind am Tag 60 Dezibel und in der Nacht 50 dB. In der Stadt Salzburg herrscht entlang der Autobahn und an den  Einfallstraßen ein
Pegel von 70 bis über 75 Dezibel. Tempo 30 in Wohngebieten verringert den Lärmpegel um bis zu 4 dB. Laut WHO stellt Verkehrslärm nach Luftverschmutzung das zweitgrößte umweltbedingte Gesundheitsrisiko in Europa dar.

 

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