Abendessen im Kindergarten

Unten der Naturspielplatz, oben das edle Restaurant. Wir fuhren zum Abendessen in einen Kindergarten.

Rupert Pagitsch, Trockenbauer, Gastronom, Kindergartenbetreiber.

Klingt verrückt, aber die Betriebskantine der Trockenbau-Firma Pagitsch im Lungauer Hauptort Tamsweg verköstigt zu Mittag die 150 Beschäftigten plus die 100 Kinder des Betriebskindergartens. Und am Abend nennt sich der Ort dann Goldader und lockt Einheimische wie Urlauber. Ein wohl einmaliger Doppel-Nutzen. Dahinter steht ein ungewöhnlicher Mensch. Rupert Pagitsch führt mit seiner Frau Anna seit 24 Jahren ein vielseitiges Bauunternehmen, geehrt mit Wirtschafts- und Innovationspreisen. Um dem Facharbeitermangel vorzubeugen, entstand ein Betriebskindergarten. Aber was für einer! 2017 bauten sie für eine Million Euro die Gruppenräume in einer Art erdbedeckten Höhle samt einem Naturspielplatz, 3000 Quadratmeter groß. Restaurantgäste können von oben auf diese Welt schauen.
Zwei schwarze Schafe blöken, Enten watscheln um einen Teich, Hühner scharren. Gemüse wird angebaut. Ein Wasserlauf zwischen Steinen lädt zum Matschplatschen, das Gegenteil eines aufgeräumten Stadtspielplatzes mit starren Geräten.  Da möchte man noch mal Kind sein. Von einem bis zwölf Jahren wird der Nachwuchs der Beschäftigten betreut, zu üblichen Kosten. Und wenn Platz ist, können Mütter von außerhalb ihre Kinder bringen. Die Warteliste ist lang.
Aber das Risiko eines Restaurants einzugehen? Nun, Pagitsch ist nicht branchenfremd. Ihm gehört der Fischerwirt in Salzburg-Liefering, seit Jahren an die Hubers verpachtet.
Goldader als Name lässt auf Selbstironie schließen. Er weiß, dass in der Gastronomie keine Reichtümer locken. Kein Obauer, kein Döllerer fährt Ferrari.
Das Restaurant sendet all die Schlüsselreize aus, die auf ein feines Mahl hoffen lassen. Die Tische sind edel grau gedeckt, es blitzt das Kristall der Gläser, ein illuminierter Weinschrank lockt mit Bouteillen, die Kellner tragen Abend-Uniform. Ob das zu Mittag auch so fein zugeht, wenn die Kinder nach glücklichem Spiel hier ihren Hunger stillen? Der Vorkoster tippt auf großes Umräumen.
Die Karte ist vernünftig klein: 16 Angebote von Vorspeise bis Dessert. Allerdings zeigen die Beschreibungen den modernen Spleen, nur die Zutaten, nicht die Zubereitung anzugeben. Was bekommt, wer Lungauer Rind bestellt? Das ganze? Nun, beim Entenleberparfait (€ 9,60) war das klar: eine längliche Praline, fein süß-säuerlich zu Eierschwammerl und Brioche. Und der Steinpilzcappuccino (€ 5,10) brachte unter namensgebender Schaumhaube schöne Schwammerl-Intensität zum lockeren Leberknödel. Was wir als Käferbohnenkroketten (€ 10,80) bestellten, kam als Knödelchen von sanftem Aroma, fein kontrastiert von Radieserl-Salat mit getrockneten Tomaten. Der Saibling (€ 16,40) versteckte sich als Farce eingerollt in Tramezzini-Teig, hübsche Idee, zu Pak Choi. Während das Ibericoschwein (€ 21,40) vier schöne Stücke Braten lieferte, saftig mit Kruste, zu einem attraktiv marinierten Salat.
Das Dessert namens Schoko (€ 7,80) erwies sich als Erdbeer-Orgie mit einem Blatt Schokolade und was Mohn hieß (€ 7,80), Überraschung! fand sich als Würze eines Baisers wieder, hier spielten Kirschen die Hauptrolle Alles gut, weil wohlschmeckend.
Der erste Kindergarten mit Haube. Ungewöhnlich, passt zu Pagitsch.

Goldader,
Gewerbepark
Litzelsdorf 281, 5580 Tamsweg, Tel. 06474/8197-777, www.goldader.at

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