Wie gut geht es Salzburgs Kühen?

Salzburger Tierschützer beklagt Missstände und schwammiges Gesetz. Molkerei prüft Höfe selbst.

Wer wandert, kennt das idyllische Bild von der Kuh auf der Alm. Auch die Werbung greift es auf. Doch manches Rind in Salzburg kennt nicht einmal eine Weide. Es verfügt auch nicht jede Kuh über den vorgeschriebenen Freilauf (an 90 Tagen im Jahr), manche fristet ihr Dasein ganzjährig angebunden im engen Stall. Auch Fälle von Horn-anbindung treten auf (der Nacken versteift durch die Schräghaltung). Das belegen Fotos des Vereins RespekTiere. Tierschützer Tom Putzgruber rückt aus, wenn Menschen, oft Nachbarn, auf Missstände aufmerksam machen, um diese zu dokumentieren und zu melden.

  • Gesehen in einem Stall im Flachgau: ein am Nasenring kurz angehängter Stier. Foto: Verein RespekTiere
  • Gesehen in einem Stall im Flachgau: Rinder in einem beklemmend niedrigen, verdreckten Stall -zum Teil seitlich angehängt. Foto: Verein RespekTiere
  • Gesehen in einem Stall im Flachgau: Hornanbindung ist laut Ansicht der Behörde verboten. Foto: Verein RespekTiere
  • Gesehen in einem Stall im Flachgau: kurz angehängte Rinder. Foto: Verein RespekTiere
  • Komplett verdreckte Kühe im Flachgau. Foto: Verein RespekTiere

 

Erst kürzlich hat er nach Hinweisen fünf Bauernhöfe im Flachgau „begutachtet“, auf allen gab es Verstöße, sagt er. Ein Stier war am Nasenring angebunden, eine Kuh am Horn. Das ist verboten. Eigentlich. Denn das Tierschutzgesetz ist schwammig formuliert. So ist die Hornanbindung nicht dezidiert verboten, die vorgeschriebene Bewegungsfreiheit bei dieser Form der Haltung aber nicht gegeben. Ganzjährige Anbindehaltung ist gesetzlich verboten – mit Ausnahmen, etwa bei „Nicht-Vorhandensein von geeigneten Weideflächen oder Auslaufflächen“ (TSG, §16, 4.1.). Für Putzgruber eine Farce: „Wenn artgerechte Haltung nicht möglich ist, sollte man keine Tiere halten dürfen.“

Wie geht man in der Praxis mit dem Gesetz um? Amtstierarzt Andreas Buchner, zuständig für den Bezirk Salzburg-Umgebung, sagt: „Im Tierschutzgesetz ist nicht alles zu 100 Prozent reglementiert, es wird immer Sachverhalte geben, die Interpretationsspielraum zulassen.“ Hornanbindung ist seiner Auslegung zufolge nicht zulässig. Wie kontrolliert man Freilauf an 90 Tagen? Das könne man nicht bis zur letzten Kuh prüfen, aber man sehe, ob ein Auslauf benützt werde.
Jährlich müssen zwei Prozent der Höfe in Österreich von den Behörden geprüft werden, ein Hof kommt statistisch gesehen alle 50 Jahre dran. „Diese Routine-Kontrollen sind angekündigt, damit der Bauer die Unterlagen bereithalten kann“, erklärt Buchner, unangekündigt kontrolliert werde nur „anlassbezogen“, also wenn eine Anzeige vorliege.

„Wenn eine artgerechte Haltung nicht geht, sollte man keine Tiere halten dürfen.“ Tom Putzgruber, Verein RespekTiere

Zwei der von Putzgruber beanstandeten Höfe beliefern auch Salzburgs größte Molkerei, die SalzburgMilch. Diese startete vor zweieinhalb Jahren eine groß angelegte Tiergesundheitsinitiative für ihre Milchlieferbetriebe. Die Kriterien wurden von Experten der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien erstellt. Sie beinhalten etwa Freilauf an 120 Tagen (statt 90) und regelmäßige Gesundheitschecks. Entsprechend rasch reagierte die Molkerei auf Putzgrubers Hinweise: Tags darauf suchten Hofberater die Höfe auf, zeigte sich Putzgruber erfreut. „Der Molkerei ist es offenbar ernst mit ihrer Initiative.“

SalzburgMilch kontrolliert selbst

SalzburgMilch-Chef Christian Leeb weiß, dass das Tierwohl den Konsumenten immer wichtiger werde: „Wir haben dazu ein echtes, vollständiges Programm und lassen uns das auch was kosten.“ Eine eigens angestellte Tierärztin, vier Hofberater und bis zu 14 Kontrolleure der Kontrollstelle SLK und des Landeskontrollverbandes achten auf die Einhaltung der Richtlinien. Jährlich prüft die SalzburgMilch so 33 Prozent ihrer Betriebe. Die Heumilch- und Biobetriebe haben zudem eigene jährliche Kontrollen.

„Wir sind stolz darauf, dass auf unseren Höfen die ganzjährige Anbindehaltung erledigt ist.“ Christian Leeb, GF SalzburgMilch

Die Initiative der Molkerei greift: Von den 2600 Höfen, die die SalzburgMilch beliefern, betrieben im Jahr 2016 noch 280 Höfe die verbotene, ganzjährige Anbindehaltung. Leeb konnte sie auf unter zehn reduzieren. „Und die sind dabei, umzubauen. 95 bis 97 Prozent unser Bauern machen einen guten Job, um die restlichen müssen wir uns kümmern.“

Freilauf heißt nicht Weide

Dass es einige „schwarze Schafe“ gibt, weiß Agrarlandesrat Josef Schwaiger (ÖVP). Er bekomme selbst ein, zwei Hinweise pro Jahr. Reichen die Kontrollen? „Die Kontrolldichte auszuweiten, ist nicht zielführend. Das bringt nur Bürokratie“, sagt LR Schwaiger. Die zwei Prozent Kontrolle seien nur ein Teil, es gebe ein dichtes Netz, Detailprogramme, viele Bauern seien beim Tiergesundheitsdienst. „Wenn aber wo etwas nicht in Ordnung ist, müssen wir mit aller Schärfe dagegen vorgehen“, betont LR Schwaiger. Die Problembetriebe kenne man meist. Bis zum Tierhalteverbot sei es aber oft ein langer, bürokratischer Weg, weil Tierhalter Beeinspruchungen machen könnten. Salzburgs Kühen gehe es grundsätzlich gut, so Schwaiger: Von 160.000 Rindern kommen 70.000 im Sommer auf die Alm.

Doch nicht alle Rinder kennen Weiden, geschweige denn Almen. Der gesetzlich vorgeschriebene Freilauf bedeutet nicht Weidegang, sondern dass die Tiere in dem Zeitraum nicht angebunden sein dürfen. „An 90 Tagen heißt auch nicht, dass sie da den ganzen Tag frei sind“, kritisiert Tom Putzgruber den Gesetzestext.

Sollte man nachjustieren? Salzburgs Grünen-Klubobfrau Kimbie Humer-Vogl spricht sich für eine Verbesserung des Bundesgesetzes aus: „Uns ist aber eher der gesamte Agraraspekt wichtig. Dazu gehören die Herkunfts-Kennzeichnungspflicht für Fleisch in der Gastro, bessere Rahmenbedingungen für die Kälbermast, mehr lokale Schlachthöfe.“ Klar sei: „Wenn wir Milch trinken und Fleisch essen, müssen wir uns von dem romantischen Bild verabschieden.“

Von Petra Suchanek

Großes Bild: Vielen Kühen geht es richtig gut, droben auf der Alm. Aber in manchem Stall gibt es skandalöse Ausnahmen. Bild: Heinz Bayer