Wo Empörte wüten, trinken Gleichgültige Wodka

Theresia Walser steuert eine Uraufführung zum Schauspiel der Salzburger Festspiele bei. Weiters gibt es vier Klassiker.

Selbstmörder ist, der Unschuldige mit in den Tod gerissen hat, während man selbst als Bürgermeisterin bald Wahlen zu schlagen hat? Nichts wie weg – mit der Leiche, versteht sich. Gut, dass gerade eine passende Truhe im Rathaussaal steht, denn draußen auf der Straße brodelt es. Weniger gut, dass sich um ebendiese Truhe bald die Trauergäste sammeln, um der Opfer zu gedenken … Die deutsche Dramatikerin Theresia Walser, Tochter des Schriftstellers Martin Walser, ist eine Meisterin der Bühnengroteske. „Meine Stücke tendieren meistens zur Groteske. Die Groteske ist, wenn man so will, schreckensgeladener als die Komödie“, sagt Theresia Walser in einem Interview der Salzburger Festspiele anlässlich der Uraufführung ihres Stücks „Die Empörten“.

Uraufführung der Groteske „Die Empörten“

In diesem greift sie das aktuelle gesellschaftspolitische Klima auf. Spätestens seit den „Wutbürgern“ trifft man vielerorts auf Empörung, in den Sozialen Netzwerken findet die Wut gar in Shitstorms ihre kollektive Entladung. Walser sieht die Empörung nicht nur negativ: „Wir erleben momentan, wie auf den Straßen populistische Stimmungs-DJs die Empörung anheizen. Man darf aber nie vergessen, dass es notwendige Empörung gibt.“ Ohne sie wären Errungenschaften wie die Menschenrechte nicht denkbar.

Ihre „finstere Komödie“ blickt in die Abgründe der Seele: „ Die Versammelten ringen um eine Schweigeminute, die letztendlich zum Hochdruckkessel gerät, in dem es längst nicht mehr um die Toten geht. Die Toten dienen am Ende nur noch als Projektionsfläche für eigene Paniken, für weltanschauliche Obsessionen oder politisches Überleben. Je mehr sie sich voneinander absetzen wollen, desto grotesker offenbart sich aber, wie sehr sie einander bedingen.“ Walser hofft, das Publikum möge sich trotz der ernsten Thematik amüsieren. Bleibt abzuwarten, ob einem da das Lachen nicht im Halse stecken bleibt. „Die Empörten“ kommen auf der Bühne des Salzburger Landestheaters zur Uraufführung, Regie führt Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiel Stuttgart.

Gorkis Sommergäste im politischen Vakuum

In einem völlig unpolitischen Kosmos siedelt Maxim Gorki sein Stück „Sommergäste“ an, das wenige Monate vor der russischen Revolution im November 1904 uraufgeführt wurde – und einen Skandal provozierte. Der Plot ist aus der russischen Literatur hinlänglich bekannt: Gebildete Städter verbringen ihren Sommer am Land – und vergehen vor Langeweile. Allein die Gespräche, angetrieben vom Alkohol, mildern das sinnlose Dasein in selbstgewählter Trägheit. Denn Gleichgültigkeit, Kälte und Egoismus hindern die Figuren, ungeachtet der Brillanz ihres Denkens, am Handeln. Nach der krankheitsbedingten Absage von Mateja Koležnik wird der Kasache Evgeny Titov die Inszenierung auf der Pernerinsel Hallein übernehmen.

Ein echter Strizzi steht vorm Jüngsten Gericht

Ebenfalls auf der Pernerinsel treibt Ferenc Molnárs berühmter Strizzi „Liliom“ sein Unwesen. In der Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg sattelt Regisseur Kornél Mundruczó den Klassiker von hinten auf: Liliom steht vorm Jüngsten Gericht und muss sich für seine Taten verantworten.
Die Kälte des Totalitarismus umgibt die Protagonisten in Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“. Thomas Ostermeier dramatisiert den berühmten Roman aus dem Jahr 1937, die Neuinszenierung erfolgt in Koproduktion mit der Schaubühne Berlin. Neben der Wiederaufnahme des „Jedermann“ mit Tobias Moretti und Valery Tscheplanowa als neuer Buhlschaft, hat das Schauspielprogramm noch vier Lesungen und vier interdisziplinäre „Schauspiel-Recherchen“ zu bieten.

Tipp: Ausverkauft ist nicht gleich ausverkauft, manchmal werden Karten zurückgegeben. Einfach im Festspiel-Kartenbüro nachfragen!

Von Petra Suchanek

Dieser Beitrag erschien im Monatsheft „Kulturfenster“ für Juli/August. Dieses liegt in allen Salzburger Kulturstätten und in den Gemeindeämtern zur freien Entnahme auf. Es ist auch über die SN-App zu lesen.

Bild: Bettina Hering zeichnet seit 2016 für das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele verantwortlich. Bild: SF/ Wildbild