Wer soll die Schüler aufklären?

ÖVP/FPÖ will Fachleute aus Schulen verbannen. Aufklärungsunterricht solle nur noch durch Lehrkräfte erfolgen. Dagegen hagelt es Kritik.

Lehrer und Eltern fallen oft aus allen Wolken. „Sie wissen nicht, was sich die Kinder unerlaubt auf ihren Handys anschauen. Die Kinder erzählen ihnen ja darüber nichts“, sagt Präventionsberater Christopher Starka. Viel Pornografisches ist dabei und schon Neunjährige kennen von Youtube die nicht altersgemäßen Videos der Fast-Nackt-Bloggerin „Katja“. „Mein Kind nicht“, meinten jüngst bei einem Aufklärungs-Infoabend in einer Salzburger Schule die meisten Eltern. Starka erzählt von einer Mutter, die gleich ihre Tochter anrief und hörte: „Natürlich kenne ich die!“

Christopher Starka erlebt so etwas dauernd. Er ist einer von 14 Beraterinnen und Beratern des Salzburger Vereins „Selbstbewusst“, der Workshops in Sexualpädagogik und zur Prävention vor sexuellem Kindesmissbrauch durchführt. Seit 2004 hat der Verein in Absprache mit Lehrern und Eltern zehntausende Schüler in Stadt und Land erreicht.

Mit Lehrern wollen Schüler nicht über alles reden

„Die Kinder können uns alles fragen. Wir sind dann wieder weg. Uns begegnen sie nicht am Gang“, schildert Starka. Darum sei es neben Aufklärung durch Lehrer und Eltern gut, dass externe Vereine in Schulen gehen.
Wichtig seien die externen Experten schon in der Volksschule. „Viele Volksschüler haben eine sehr starke Beziehung zu ihrer Lehrerin. Die trauen sich nicht, sie nach der Bedeutung von aufgeschnappten argen Wörten zu fragen“, so Starka. Umgekehrt mögen auch viele Lehrkräfte nicht, wenn „ihre Kleinen“ vielleicht intime Fragen an sie stellen. Die Aufklärung wird daher häufig an das Ende des vierten Schuljahres gerückt – dann muss man sich nicht mehr sehen – oder fällt überhaupt aus.

„Uns kann man alles fragen. Wir sind dann wieder weg“, so Christopher Starka vom Verein „Selbstbewusst“. Bild: Verein „Selbstbewusst“

Zu wenig frühe Aufklärung schadet Kindern und behindert Prävention, warnt der Verein „Selbstbewusst“. Die Themen seien ja in den Klassen. Manche Mädchen haben schon in der dritten Klasse die Regel. Neunjährige werden von Erwachsenen über die Tanz-App TikTok belästigt. Starka: „Wir ermöglichen den Kindern, darüber zu reden.“

20.000 unterschrieben gegen den ÖVP/FPÖ-Plan

Über Sexualthemen reden, das fällt auch vielen von „Selbstbewusst“ besuchten Drittklässlern in Gymnasien und NMS schwer – besonders mit Lehrern. Und das nicht nur bei der Frage, ob man Sex so macht wie in Pornos, sondern auch, wenn es um Pubertät, Beziehung, Geschlechtsidentität, Homosexualität oder die Bedeutung von Kondomen geht.
Nötig wäre mehr Sexualkunde, betont man bei „Selbstbewusst“: Das Verhütungsverhalten hat sich verschlechtert, verschwundene Geschlechtskrankeiten sind auch in Salzburg wieder da. Hartnäckig hält sich unter Jugendlichen auch der Mythos, „beim ersten Mal“ werde man nicht schwanger. Starka: „Viele Kids haben nicht gelernt, über Sexualität zu reden.“

Doch Sexualerziehung solle künftig in Schulen nur noch von Lehrkräften unterrichtet werden, hatten Bundes-ÖVP/FPÖ jüngst in einem parlamentarischen Entschließungsantrag gefordert. Kritiker sprechen von einer Retourkutsche dafür, dass Bildungsminister Fassmann nach dem Auffliegen fragwürdiger Inhalte Schulen davon abgeraten hat, Workshops des konservativen Vereins TeenStar zu buchen. Gertraud Salzmann, oberste Personalvertreterin der AHS-Lehrer in Salzburg, hat als ÖVP-NAbg. für den Antrag gestimmt. Sie gab auf „Fenster“-Anfrage keine Stellungnahme ab, nur so viel: „Es ist ja nur ein Entschließungsantrag und noch kein Gesetz.“

Der Aufschrei gegen den Vorstoß ist enorm: Für die Beibehaltung von Aufklärung durch externe Vereine plädierten neben Abgeordneten von SPÖ, NEOS und Liste Jetzt umgehend rund 100 Organisationen, von Kinder- und Jugendanwaltschaft über die Aktion Leben bis zum SOS-Kinderdorf. Eine Petition des Netzwerks Sexuelle Bildung sammelte binnen Tagen mehr als 20.000 Unterschriften.

Schulsprecher: „Das wäre Schwachsinn“

Als „Schwachsinn“ bezeichnete der Salzburger Landesschulsprecher Melih Öner (BG Hallein) den ÖVP/FPÖ-Wunsch. Die Schüler wollen gewisse Themen nicht mit den Lehrern besprechen, bestätigt Josef Zehentner, Direktor des BG Zaunergasse. „Die Vereine auszuschließen, wäre ein enormer Rückschritt.“

Wie es für die Schüler weitergeht, ist offen. Einen „heißen Herbst“ erwartet „Selbstbewusst“-Geschäftsführerin Gabriele Rothhuber. 150 Schulen hätten aktuell um Workshops angefragt. „Die hängen jetzt alle total in der Luft“.

Von Sabine Tschalyj