Von der Leichtigkeit des Seins

Ballast abwerfen hilft, wissen zwei Salzburger, die um die Welt radeln. Mehr als 10.000 Kilometer haben sie bereits hinter sich.

Sie verkauften ihr Hab und Gut, kündigten Wohnung und Job und brachen im Juli 2018 von Salzburg zu einer Weltreise auf. Das „Fenster“ erreichte Angelika Hinteregger (28) und Reinhard Maxbauer (33), als sie gerade den Iran durchquerten. Zum Glück gibt es auf ihrem Weg Internet, Angelika Hinteregger antwortete per E-Mail.

Angelika Hinteregger und Reinhard Maxbauer feiern hier im Oman sechs Monate in der Wüste. Bild: A. Hinteregger / R. Maxbauer

SF: Was war euer Ansporn, radelnd die Welt zu bereisen?
Angelika Hinteregger: Wir haben bereits einige kurze Radreisen in Europa gemacht, und mussten immer aufhören, wenn’s am Schönsten war. Wir wollten also einmal „ohne Ende“ fahren. Unser Ziel ist: Neuseeland.

SF: Habt ihr euch körperlich auf diese extreme Tour vorbereitet? Mit Fitness?
Absolut nicht. Nur viel gegessen, um einen Polster zu haben.

Angelika Hinteregger und Reinhard Maxbauer bei einer Radreise 2016 in Siena, zwei Jahre bevor sie zur ihrer Weltreise aufbrachen. Bild: A. Hinteregger / Reinhard Maxbauer

SF: Haben sich eure Vorstellungen bislang erfüllt?
Der „Polster“ war umsonst – wir nehmen nur zu, nicht ab. Wir werden zu oft zum Essen eingeladen … Wir fahren weniger Kilometer als gedacht. Es hat etwas gedauert, bis wir unseren idealen Reiserhythmus gefunden haben. Wir wurden in jedem Land von den Menschen herzlich aufgenommen. Vom Iran wusste man das bereits, aber zum Beispiel in Bosnien oder in der Türkei war das auch sehr oft der Fall. Wir vermissen nichts, außer Familie und Freunde. Aber keinen Luxus, keinen Alltag, keine Wohnung.

SF: Wie viele Kilometer schafft ihr täglich?
Wir sind 10.000 km in 9,5 Monaten gefahren, der Durchschnitt aller Tage inklusive Ruhetage liegt bei 34 km. Das klingt sehr wenig, ist für uns aber mehr als genug. Radfahren ist neben dem Alltag oft noch das Einfachste. Es vergeht viel Zeit mit Kochen, Zeltplatz und Wasser suchen, Einkaufen etc.

SF: Was ist die größte Herausforderung?
Reini sagt: „Meine größte Herausforderung ist Angi“ – Haha! Da ist etwas dran. 24/7 zusammen sein ist eine Herausforderung, die wir aber sehr gut meistern. Sonst hat jedes Land seine eigenen Herausforderungen. Im Iran muss ich mich komplett verhüllen, in der Türkei hatten wir viel Regen bei fast 0 Grad, am Balkan hatten wir täglich 40 Grad… Es ist nie langweilig.

SF: Radelt ihr streng nach Plan?
Nein! Wir wissen, zu welchen Jahreszeiten wir wo sein sollten, um möglichst ideale Bedingungen vorzufinden. Unser nächstes Ziel ist der Pamir Highway in Tajikistan. Der ist nur in den Sommermonaten schneefrei, wenn man Glück hat. Das sollten wir nicht verpassen. Ansonsten wird jeder Tag aufs Neue geplant, je nach Stimmung, Wetter, Laune.

SF: Gab es auch gefährliche Situationen?
Kaum. Am gefährlichsten ist der Verkehr. Die Iraner fahren für unsere Verhältnisse wie die Irren. Wir versuchen die großen Straßen weitgehend zu vermeiden. Am Balkan waren es manchmal Hunde, die uns Angst einflößten, aber mit den richtigen Tricks hält man sich die gut vom Leib.

SF: Wie reagieren die Menschen im Oman oder Iran auf euch? Wie finden sie es, dass ihr durch die Welt radelt?
SEHR exotisch. Die Lieblingsantwort ist „Marshallah“, was so viel heißt wie „um Himmels Willen“. Besonders im Oman konnte es keiner fassen, dass wir radeln. Die fahren jeden Meter mit dem Auto. Ob wir uns kein Auto leisten könnten, hatten sich dort auch viele gefragt.

Der Weg nach Neuseeland ist mitunter auch steinig, wie hier im Oman. Bild: A. Hinteregger / R. Maxbauer

SF: Wie reist man mit so wenig Gepäck?
Wenig Gepäck?? Reini hat 35 kg und ich 25kg Gepäck, das ist schon einiges! Wir haben eher das Gefühl zu viel dabei zu haben, als zu wenig. Man kommt mit so wenig aus, das ist unglaublich. Kleidung ist ja nur ein Bruchteil unseres Equipments – Küche, Zelt, Badezimmer, Arbeitszimmer ist auch noch alles dabei. Wenn wir wildcampen brauchen wir maximal zwei Stunden vom Aufstehen bis wir abfahrbereit sind. Inklusive Frühstück.

SF: Ihr habt 10.000 Kilometer hinter euch, worauf freut ihr euch besonders?
Auf den Pamir Highway. Das Mekka aller Radreisenden. Es wird auf 4655 m rauf gehen. Wir haben davor großen Respekt, aber auch große Vorfreude. Und China als große Unbekannte ist auch noch eine besondere Aufregung. Da wissen wir noch so gar nicht, womit wir rechnen sollen.

SF: Warum ist dein Reifenverschleiß so viel höher als jener von Reinhard?
Reini sagt: Es liegt an meinem Fahrverhalten. Ich sage: Weil Reini immer vorne fährt, sehe ich die Glassplitter nicht rechtzeitig ;-). Vielleicht ist es einfach nur Pech.

SF: Welches Land hat euch bis jetzt am besten gefallen?
Schwierige Frage. Je nachdem, von welchen Faktoren man es betrachtet. Ich sage mal so: Gastfreundschaft = Iran und Türkei; Wildcamping = Oman; landschaftlich = eigentlich überall. In Ungarn an der Donau entlang war es am wenigsten reizvoll.

SF: Was habt ihr bisher mitgenommen?
Die wichtigste Lehre bisher: 99% der Menschen aller Länder, die wir getroffen haben, sind tolle Menschen, die dir nichts Böses wollen. Wir lernen viel über Kulturen und andere Lebenswelten, lernen Wirklichkeiten kennen, mit denen wir zuvor noch nie in Berührung gekommen sind. Zum Beispiel, dass man seinen zukünftigen Ehepartner erst bei der Hochzeit kennenlernt, oder dass man mit 14 Jahren heiratet, oder dass Zehnjährige ohne Helm Motorrad fahren, dass außerhalb der EU der lokale Kramer noch große Bedeutung hat, dass das Smartphone der neue Fernseher ist und dass alle Menschen außer im Oman mit der Politik ihres Landes unzufrieden sind. Es gibt so viel zu lernen.

SF: Wenn ihr aktuell einen Wunsch freihättet, wie würde dieser lauten?
Ein kühles Bier! Im Oman und Iran gab es kein Bier für uns, also seit Anfang des Jahres ohne Bier, und das bei der Hitze …

Angelika und Reini erzählen von ihrem Abenteuer auf ihrem Blog: www.saddlestories.at

Von Petra Suchanek

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  • In der Varzaneh-Wüste im Iran. Bild: A. Hinteregger / R. Maxbauer
  • In der Varzaneh-Wüste im Iran. Bild: A. Hinteregger / R. Maxbauer
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  • Im Oman, Jänner 2019. Bild: A. Hinteregger / R. Maxbauer