Salzburger IS-Familie steht vor der Rückkehr

Tauziehen um die Kinder der IS-Frauen: Maria G. sitzt mit zwei kranken Kindern in Syrien fest. Die Familie könnte nun zurückgeholt werden.

Maria G. aus Hallein ist eine jener Handvoll Österreicherinnen, die in einem kurdischen Internierungslager im Norden Syriens festsitzen. Die 22-Jährige hatte sich 2014 dem Islamischen Staat angeschlossen und über Nacht ihr Elternhaus verlassen. Der erste Dschihadist, der ihr Mann wurde, starb bald bei Kämpfen. Mit dem zweiten, laut G.s Angaben ein syrischer Grenzwachebeamter um die 30, hat die Salzburgerin zwei Söhne: Isa (3) und Muhammad (1).

In der letzten  IS-Bastion eingekesselt

Mutter und Kinder harrten bis zum bitteren Ende in der letzten IS-Bastion am Fluss Euphrat aus. Das nordöstliche Grenzgebiet zum Irak wurde im Februar-März durch 15.000 kurdisch-arabische Kämpfer eingekesselt und von Luftstreitkräften bombardiert. Am 19. März 2019 war der Islamische Staat mit der Schlacht um das Dorf Baghuz besiegt. Unter den 34.000 Zivilisten und IS-Angehörigen, die sich in langen, staubigen Elendskolonnen ergaben, befanden sich auch Maria G. und ihre Söhne.

Maria G. und ihre beiden Söhne sind in Syrien interniert.

Während ihr Mann in einem Männerlager interniert ist, landete sie im Camp Hol, das mit 75.000 Kriegsflüchtlingen und Gefangenen hoffnungslos überfüllt ist. In der riesigen Zeltstadt in der Wüste grassieren Krankheiten, es fehlt an Medikamenten, Nahrungsmitteln, Hilfsgütern, die Kinder spielen zwischen Plastikmüll, Abfall und Schlamm.

Zwei Waisenkinder vom Dschihad-Mädchen Sabina

Zu den Gestrandeten gehören auch 327 Waisenkinder, deren Eltern für das versprochene Paradies starben. Teils werden sie von anderen Müttern betreut, teils hocken sie schwer traumatisiert in ihren Bettchen: die Haare ausgefallen, unternährt, mit apathischem Blick, wie zahllose Videos zeigen. Viele sind zu schwach, um zu weinen. Laut einem ARD-Bericht sind 225 Kinder bereits gestorben. Zwei Waisenkinder verloren die Mutter wahrscheinlich in der letzten Schlacht: Sabina S. war als 15-Jährige gemeinsam mit ihrer Freundin Samra K. (16) in den Dschihad gezogen. Die bosnische Großmutter bemüht sich nun wie die Mutter von Maria G. um die Heimholung der Enkelkinder. Und wie es scheint, könnte die Republik Österreich den Weg dafür nun freimachen.

Zweimal reiste die Halleiner Unternehmerin Susanne G. heuer bereits mit Hilfe des Wiener Nahostexperten Thomas Schmidinger nach Syrien. Beim Besuch im April wurde die Tochter in den chaotischen Lagerbedingungen nicht gefunden. Im Mai konnten die Eltern das verlorene Kind erstmals für eine Stunde wiedersehen. „Es was berührend und traurig“, sagen sie. Alle hatten Tränen in den Augen.

„Sie hatte Angst, dass er wegstirbt“

Die monatelange militärische Belagerung hat vor allem den jüngeren Buben nachhaltig geschädigt. Maria G. und die Kinder ernährten sich ab November vorwiegend von Tierfutter. Andere aßen Gras. Der damals knapp Einjährige habe geschwollene Arme und Beine bekommen und „total abgebaut“, schrieb Maria ihrer Mutter über WhatsApp. „Sie hatte Angst, dass er ihr wegstirbt“, sagt Susanne G. „Der Bub war nur mehr Haut und Knochen, der Kopf und die Augen sind riesengroß“, schildert Markus G. Er hänge nur am Bauch seiner Mutter, wolle nicht gehen, nicht krabbeln. Die Buben hätten kein Wort gesprochen, ihre Mutter redet Deutsch und Arabisch mit ihnen.

Maria G. trägt immer noch die schwarzen, wallenden Gewänder mit Augenschlitz, die die Frauen der Islamisten so unsichtbar und unheimlich machen. Aus Schutzgründen, wie die Mutter sagt. Tatsächlich gibt es im Camp viele hoch ideologisierte IS-Fanatikerinnen, die unverschleierte Frauen terrorisieren. Zuletzt wurde laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF deshalb sogar ein 14-jähriges Mädchen getötet: Es wollte sich nicht verschleiern und wurde laut Obduktion zunächst massiv misshandelt und dann von ihrer aserbaidschanischen Großmutter erwürgt.

„Maria war immer nur Hausfrau und Mutter und sehr viel allein“, sagt Mutter Susanne. Von Gewalt habe sie nichts erzählt. Sie und die beiden Buben wirken auf früheren Bildern aufgeweckt und munter. Maria habe nie einen Aufenthaltsort genannt. Laut der Salzburger Justiz, die einen internationalen Haftbefehl ausstellte, lebte sie „im Kerngebiet des Islamischen Staats“ – dort wo das Terrorgebilde auch sein Ende fand. 2015 hatte sie auf Facebook noch ein kurzes Video von einer Bootsfahrt mit zwei bärtigen Männern gepostet, vermutlich auf dem Euphrat.

„Mama, es ist hier wie im Urlaub“, meinte sie. Zuletzt, als die Bomben auf die Nachbarhäuser fielen, kamen kaum noch Botschaften, sagt Susanne G.
Warum Maria mit 17 in die extreme Salafisten-Szene rutschte, kann sich die Mutter bis heute nicht erklären. Es gab in der Familie Zusammenhalt, man unternahm viel. „Maria war sehr sensibel. Sie hatte eine soziale Ader, wollte Schwächeren helfen. Und sie hat wohl sehr unter der Pubertät gelitten.“ Ein somalischer Flüchtling und Freund brachte sie zum Islam.

Besuche in Salzburger Salafisten-Moschee

Maria trug dann nur mehr Kopftücher, Jacken und lange Kleider. Die Eltern dachten sich: „So, jetzt haut es ihr den Vogel heraus.“ Die 17-Jährige verkehrte in einer bosnischen Moschee in Itzling, in der deutsche Hassprediger auftraten.

Am 28. Juni 2014 verließ Maria die westliche Welt. Es war ein Wochenende, erinnert sich die Mutter, man wollte grillen. „Maria stand im Vorhaus, mit einer Sonnenbrille. Ich habe sie noch gefragt: Ist was, Maria?“ Sie wolle nur in die Moschee gehen, meinte das Mädchen. Die Nacht darauf kam Maria G. nicht mehr heim.

Am Bild: Muhammad (links) und Isa: Die  Söhne der Salzburgerin Maria G. vor der Belagerung. Bild: Privat

 

Von Sonja Wenger