„Tiere kennen kein Kalkül“

Der belgische Fotokünstler Vincent Lagrange zeigt im Schloss Arenberg noch bis Herbst einzigartige Tierporträts.

Vincent Lagrange, Sohn des berühmten Porträt- und Aktfotografen Marc Lagrange, fotografiert Tiere wie kein anderer. Hunde, Katzen, auch Vögel haben bei ihm eine nahezu menschliche Mimik: Sie blicken grantig, mild, fragend, traurig. Warum ihn Tiere faszinieren, und wie er es schafft, ihnen diese Gesichtsausdrücke zu entlocken, verriet Lagrange dem „SF“ per E-Mail.

  • Noah. Bild: Vincent Lagrange
  • Mr. Spank. Bild: Vincent Lagrange
  • Guus. Bild: Vincent Lagrange
  • Jack. Bild: Vincent Lagrange
  • Charlie. Bild: Vincent Lagrange
  • Gallus. Bild: Vincent Lagrange
  • Incognito. Bild: Vincent Lagrange

 

SF: Herr Lagrange, was hat Sie zu Ihrem „Human-Animal-Project“ inspiriert?
Vincent Lagrange: Ich begann damit, als mein erstes Haustier, Kater Dwiezel, starb. Er war ein Geschenk meines Vaters. Als ich ihn einschläfern lassen musste, änderte das etwas in mir: Ich spürte den Drang, Tiere zu fotografieren. Es funktioniert für mich in beide Richtungen: für die Kunst und das Tier. Ich will ihm eine Stimme geben, seine Seele enthüllen und zeigen. Ich sehe es als meine Aufgabe, so viele Arten wie möglich in dieses Projekt einzubinden. Ich werde es wohl bis zu meinem Tod fortsetzen.

SF: Wie entlockt man Tieren diese „menschliche“ Mimik?
Man muss beachten, dass Tiere alles spüren. Wenn ich gestresst bin, überträgt sich das auf das Tier. Ich beginne nie sofort mit dem Shooting, sondern versuche erst, das Tier kennenzulernen, eins mit ihm zu werden, zu fühlen, welchen Charakter es hat.
Ich verwende nie Blitzlicht, sondern wähle immer Studiolampen, also Dauerlicht, für meine Porträts. Dadurch erschreckt das Tier nicht. Jedes Setting ist einzigartig, ich baue es extra auf! Der Schlüssel zu einem guten Porträt ist letztlich die Geduld. Manchmal bin ich in einer Stunde fertig, manchmal brauche ich einige Tage, denn ich dränge die Tiere nicht. Wenn es nicht geht, geht es nicht. Mir ist es lieber, sie kommen noch einmal zu mir als sie zu erschöpfen. Ich bin da Perfektionist, alles muss passen.

SF: Was fasziniert Sie an Tieren – generell und als Modell?
Tiere kennen kein Kalkül wie wir Menschen. Das interessiert mich sehr, ich versuche ihren Charakter zu zeigen. Und Tiere brauchen kein Make-up, sie haben die Schönheit der Natur!
Ich engagiere mich mit verschiedenen Projekten gegen Tierleid. Denn ich kann es nicht ausstehen, wenn Tiere nicht so gehalten werden, wie sie es verdienen, oder als Modeaccessoire gekauft werden.

SF: Was ist die größte Herausforderung bei dieser Art der Tierfotografie?
Den richtigen Moment zu erwischen, da ich manuell fokussiere, mit weit geöffneter Blende. Die Augen sind mir sehr wichtig, sie erzählen die Geschichte. Und das Licht, es gibt meinen Bildern Gestalt.

SF: Haben Sie je aufgegeben, weil ein Tier nicht wollte?
Bis jetzt nicht. Aktuell arbeite ich an einem Vogel-Projekt, vielleicht passiert es mir da :-).

SF: Gab es ein Tier, das Sie sehr beeindruckt hat?

Vincent Lagrange liebt Tiere – und setzt sie mit viel Gefühl in Szene. Bild: Vincent Lagrange

Es gibt da diesen Hund in einer alten Bar in Antwerpen, er war so hässlich und saß immer unter einem Sessel. Ich trank ein Bier und fragte den Besitzer Jan, ob ich ein Porträt machen könnte. Eine Woche später kam er zu mir und wir machten die Fotos. Ich brachte ihm dann einen Abzug. Jack ist jetzt der König des Cafés, die ganze Nachbarschaft kennt ihn. Seither liegt er nicht mehr unter dem Sessel, sondern spaziert fröhlich umher und genießt die Aufmerksamkeit, die er bekommt. Das lässt mich innerlich schmelzen.

SF: Inwiefern hat Ihr Vater Sie als Fotograf beeinflusst?
Mein Vater war mein bester Lehrer, ein großer Mentor. Er lehrte mich sehr viel, ich wuchs in seinem Studio auf. Ich denke, mein Vater hat sehr viel mit meiner Arbeit zu tun, das spiegelt sich vor allem im Technischen und in der Aufmerksamkeit fürs Detail. Leider habe ich ihn viel zu früh verloren, aber auf diese Weise halte ich ihn in mir fest.

Die Ausstellung der Leica Galerie Salzburg im Schloss Arenberg läuft bis Herbst. Geöffnet Do., 18-20 Uhr, Sa., 10-18 Uhr, So. 12-16 Uhr, Eintritt frei.

Nähere Info & weitere Fotografien auf der Homepage von Vincent Lagrange: www.finni.be

Von Petra Suchanek