Wie lang reicht Ihre Aufmerksamkeitssp–

Ich war vor einer Weile in einer Disco und hatte Stress. Ich sag Disco, weil ich alt bin, eigentlich war es ein Club.

Und da waren nur junge Leute. Die waren schuld an meinem Stress. Ich bin es nämlich gewöhnt, dass ein Lied gespielt wird, zu dem man tanzt, und dann kommt ein anderes Lied. Haha! So läuft das aber nicht mehr, wie ich an diesem Abend gelernt hab. Heute spielt der DJ einen Song, in den spielt er schon einen anderen rein, das geht ein paar Sekunden lang, dann wechselt er zu was Neuem, da schneidet er auch was Zweites rein, dann legt er eine komplett unerwartete Scheibe auf.

Karikatur Thomas Selinger. Bild: www.seli.at

Das bedeutet: Setzt man gerade zu einem bestimmten Dance-Move an, ist der Beat, zu dem man ihn machen wollte, schon weg. Irgendwann hab ich nervöses Herzflattern bekommen. Und gemerkt: Die jungen Leute, die finden das normal. Es war wie bei allem, was dieser Generation vorgeworfen wird, die angeblich nur noch tindermäßig aussortiert und wegwischt, sich nicht festlegt auf einen Partner, einen Ort oder eine Arbeitsstelle, weil ja noch was Besseres kommen könnte jederzeit. Das Motto des DJs schien zu sein: Sorry, ich kann euch kein Lied länger als ein paar Takte hören lassen, ES GIBT NOCH SO VIELE ANDERE!

Passt das zum Sinken der Aufmerksamkeitsspanne, von dem ständig geredet wird?, hab ich mich gefragt. 2015 ging ein Vergleich durch die Medien, in dem es hieß, der Mensch sei nur noch zu acht Sekunden Aufmerksamkeit fähig, im Jahr 2000 seien es zwölf gewesen. Ein Goldfisch kann sich für neun Sekunden konzentrieren. Das liege an Internet, Smartphone und den Gadgets, auf denen wir scrollen, kurz gucken, weiterscrollen, keine Inhalte mehr aufnehmen.

Jetzt bin ich ja niemand, der die modernen Errungenschaften verteufelt, aber nach der Discostress-Episode ist mir noch was aufgefallen: Mein Sohn hatte drei Freunde zu Besuch, und die Kinder sind derart hektisch durch die Spielmöglichkeiten gezischt, dass mir Hören und Sehen vergangen ist. Kaum hatten sie ein Spiel angefangen, noch nicht einmal fertig aufgebaut, ließen sie es stehen und suchten ein Neues. Sie wollten raus, dann sofort wieder rein, kurze Zeit später erneut raus. Nichts konnte sie halten, auf nichts haben sie sich eingelassen.

Und ich, die ich noch stundenlang mit einem einzigen Spiel beschäftigt war als Kind, hab diesem vierköpfigen Tornado zugeschaut, der immer unruhiger und unglücklicher wurde, und nicht gewusst, was ich dieser Rastlosigkeit entgegensetzen soll. Vielleicht ein beruhigendes Aquarium. Mit Goldfischen drin.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at