Warum die Kinder fürs Klima marschieren

Eine ganze Generation ist in Bewegung geraten. Die Jungen verstehen, dass es um die  Existenz geht.

Weltweit ist eine ganze Generation in Bewegung geraten. Ausgehend vom Protest eines schwedischen Mädchens gehen auch in Österreich tausende Kinder und Jugendliche auf die Straße, um gegen die Erderwärmung zu protestieren – eigentlich um die Entscheidungsträger zu mehr Eile und Wahrhaftigkeit anzutreiben.
Vorige Woche trafen sich die politische und künstlerische Prominenz aus Afrika und Europa bei der Wiener Klimakonferenz „Austrian World-Summit“, um über die Finanzierung von Klimaprojekten rund um den Globus zu reden. Was die Appelle  der klügsten Wissenschaftler und die berührendsten Berichte vom Sterben der Tierarten nicht schafften, scheint den  „Fridays for Future“ zu gelingen: Politik und Wirtschaft – die Erwachsenen  – reagieren endlich.
Es ist eine stark von Mädchen dominierte Bewegung, auch in Salzburg.  Man ist locker organisiert, verabredet sich über WhatsApp, nutzt vor allem das Netz, wo auch praktisches Download-Material (Lieder, Sprüche, Flyer, Wissenschaftliches) bereitgehalten wird. Dass die Galionsfigur Greta Thunberg inzwischen wie ein Star gemanagt wird, sehen auch die Jugendlichen kritisch. „Natürlich ist sie wichtig, aber es ist zu viel Selbstdarstellung“, meint eine Gymnasiastin. Die Botschaft indes wird nun auch in Familien und im Unterricht diskutiert: Wie halten wir es mit dem Autofahren, mit dem Fleischessen, mit unserem Konsum, mit den Urlaubsflügen?

Klimaangst: Weshalb die Jungen Grün wählen

Salzburgs AHS-Landesschulsprecher Melih Öner (Aktion Kritische Schüler) sagt, seine Generation habe die bedrohliche Tragweite erkannt. „Die jungen Menschen haben verstanden: Wenn wir unsere Welt weiter so behandeln wie bisher, wird die Erde früher oder später kaputt sein.“ Deshalb  würden die  Jüngeren Grün wählen, erklärt der 18-jährige Schüler des BG Hallein. In Deutschland hat  die „Klimaangst“ den Grünen zu einem Erdrutschsieg verholfen, sie wurden bei allen unter 60-Jährigen die stärkste Kraft.
Man werde sich „niemals parteipolitisch vereinnahmen lassen“, betont indes die Fridays-Aktivistin und AHS-Schülerin Magdalena aus Seekirchen. „Es geht um unseren Planeten, und wir haben nur den einen.“ Es müsse ein großer Umbruch  stattfinden, meint die 16-Jährige. „Das tut natürlich vielen weh.“ Timon, ein 14-jähriger Gymnasiast aus Salzburg, sieht die Schülerstreiks als Zeichen, „dass unsere Schülergeneration sehr wohl was auf die Reihe kriegt und nicht nur politikverdrossen ist.“ Ihm sei die Schule wichtig, beschreibt Timon ein Thema, das die Jugendlichen stark beschäftigt: Ob sie nämlich „mit den Streiks die Schule bestrafen“ (Timon). Auch das eigene Verhalten wird kritisch reflektiert. Viele Jugendliche ernähren sich vegetarisch oder vegan, wählen bewusst öffentliche Verkehrsmittel, diskutieren über Konsumstreiks bei H&M oder McDonalds. Lorena (14) hat „zur Zeit kein eigenes Handy“. Ihre Familie achte jetzt „viel mehr darauf, dass kein Mikroplastik in Kosmetikartikeln ist. Fleisch esse ich fast nicht, und wenn vom Biometzger.“

Flugscham und Hass auf Greta

Besonders in Schweden hat sich das Phänomen der „Flugscham“ breitgemacht.     Prominente, die für Fernreisen werben,  werden auf Instagram an den Pranger gestellt. Als Greta Thunberg heuer   30 Stunden mit dem Zug zum Weltwirtschaftsforum nach Davos fuhr,  erntete sie dennoch einen hasserfüllten Shit-storm:  Klimawandelleugner  ergötzten sich  an der Plastikverpackung, aus der die „neue Klima-Heilige“ ihr veganes Essen entnahm. Die gesellschaftlich giftige Gemengelage kann Pubertierende   überfordern. So erlebte die 14-jährige Miriam einen heftigen Gewissenskonflikt. Sollte sie zur zweiten großen Freitagsdemo mitgehen? „Wir wollen heuer in die USA fliegen. Für mich fühlt es sich  falsch und unehrlich an, wenn ich  dann gegen den Klimawandel demonstriere“, sagt sie.   Erst ein langes, intensives Gespräch im Unterricht löste die Ambivalenz: Miriam streikte nicht. In der Bildungsdirektion kennt man die Zahl der Fehlstunden übrigens nicht. Den Direktoren wurde vermittelt, maßvoll zu reagieren. Eva-Maria Engelsberger vom Präsidium: „Es sind unentschuldigte Stunden, aber  wir sehen das nicht als Schulschwänzen. Wir begrüßen, dass die Jugendlichen sich engagieren.“

Die Geldgeber hinter den Influencern

Ein Schmähvideo des deutschen Youtubers Rezo, in dem er die Klimapolitik von CDU und SPD kritisiert, offenbart die Sprengkraft der Thematik. Es wurde elf Millionen mal angeklickt. Die darin verbreiteten apokalyptischen Szenarien („irreversible Schäden ab 1,5 Grad  Erwärmung“) werden kritisiert. Fakt ist: So wie hinter diesem Video eine große PR-Agentur steht, haben die fünf größten Erdölkonzerne 200 Millionen Dollar an Organisationen bezahlt, die den Treibhauseffekt für eine Verschwörung halten und Maßnahmen verhindern wollen, wie die englische Zeitung „The Guardian“ aufgedeckt hat.

sonja.wenger@svh.at