Ich bin nicht alt, nur schon länger jung

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden? Ich hab da im April drüber nachgedacht, notgedrungen.

Weil ich nämlich Geburtstag hatte, und außerdem hab ich mir eine geile Leopardenhose gekauft und mich so richtig gefeiert. Ich liebe Geburtstag, da scheint mir die Sonne aus dem Arsch. Ich treffe mich mit allen Menschen, die ich mag, am besten verteilt auf eine ganze Woche, esse Kuchen und Eis und mach mir eine gute Zeit.

Karikatur Thomas Selinger Bild: www.seli.at

Ich hab noch nie die verkniffenen Gesichter verstanden, aus denen missmutig „ich mach keine Party, ich bin jetzt zu alt“ und „in meinem Alter freut man sich nicht mehr über Geburtstage“ herauskommt. Nein? Warum nicht? Weil wir eine Gesellschaft geschaffen haben, in der Älterwerden etwas negativ Behaftetes ist, in der Falten weggecremt und altersbedingte körperliche Veränderungen weggeschwiegen werden sollen? Und wie pervers ist das bitte, wo wir doch alle automatisch altern, wo das ungefähr das Einzige ist, was wir von selbst tun – es gehört zu uns, zum Leben, zum Menschsein.

Wünschen soll ich mir, ich würde noch aussehen wie mit zwanzig, Dinge soll ich mir kaufen, die mir das suggerieren, leiden soll ich, weil ich den Prozess des Alterns nicht aufhalten kann – aber das ist mir sowas von wurscht. Ich schmier mir nichts ins Gesicht, und ich war außerdem mit zwanzig gar nicht so toll wie jetzt. Ich war faltenfreier, ja, na und, aber unsicher war ich auch, meine Ecken und Kanten hab ich nicht geliebt, sondern überspielt, angezogen hab ich nicht das, was mir gefallen hat, sondern das, von dem ich dachte, es macht mich dünner, weil ich geglaubt hab, ich müsste das, und überhaupt: Ich hab mich nicht ich sein lassen, nicht wie jetzt.

Geht es Ihnen auch so? Haben Sie das Gefühl, dass wir mit Anfang zwanzig noch so unfertig waren in unserer Persönlichkeit, dass wir gar nicht genau wussten, wer wir sind und was wir wollen – dafür aber dachten, wir hätten die Weisheit mit dem Löffel gefressen und seien eh schlauer als alle anderen (vor allem als die Älteren)? Mittlerweile kann ich nur grinsen, sobald ich Zwanzigjährige reden höre, und denke: Wartet mal ab.

Wenn wir die Summe unserer Erfahrungen sind, bin ich heute mehr. Wenn wir an allem wachsen, was wir erleben, bin ich heute größer. Und was sollte daran nicht zu feiern sein? Ich wünschte, wir wären stolz auf unser Alter, stolz auf unsere Jahre, auf unsere gereiften Persönlichkeiten. Außerdem: Was wäre denn die Alternative zum Weiterleben und Älterwerden? Eben. Oh, und ich werde großartig aussehen in meiner Leopardenhose. Bäm.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at