Heroes Salzburg: Ohne Gewalt gegen Machos

Junge Männer setzen sich für Frauenrechte ein und wollen Vorbilder für ihre Generation sein. Deshalb werden sie zu „Helden“.

Sie treffen sich einmal in der Woche. Sechs männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund sitzen um einen Tisch im obersten Stockwerk des Hauses in der Salzburger Altstadt. Sie sind gekommen, um über Gleichberechtigung in der Familie, die Ehre des Mannes und ihre eigene Identität zu sprechen.
Ungewöhnliche Themen für ein Gespräch zwischen 16- bis 23-Jährigen? Nicht beim Projekt „Heroes“. In den Räumen von Akzente, leitet es die Salzburgerin Bianca Schartner. Ihre feministische Perspektive prägt das Projekt. Finanziert von Land und Bund, bildet „Heroes“ seit drei Jahren junge Männer aus so genannten Ehrkulturen zu „Helden“ aus.

Jad Turjman, die zertifizierten „Heroes“ Osman Sivari (17) und Salih Gönülalan (16) sowie Mario Tellez (v.l.) geben regelmäßig Workshops in Salzburgs Schulen.

Diese vereint demnach keine gemeinsame Religion – sondern, dass sie aus patriarchalischen Kulturen mit oftmals veralteten Rollenbildern stammen. Ist es in Ordnung, wenn mein Vater meiner Schwester verbietet, am Abend das Haus zu verlassen? Ist es richtig, dass die Jungfräulichkeit meiner Schwester mit der Ehre der Familie gleichgesetzt wird? Darf ich andere wegen ihrer sexuellen Orientierung beurteilen?
Das sind Fragen, die die Gruppenleiter des Projekts, Mario Tellez und Jad Turjman, mit den Jugendlichen diskutieren. Das Ziel: Indem junge Männer aus Ehrkulturen darüber reden, welche Wertvorstellungen sie haben, hinterfragen sie ihre eigenen Denkmuster, die durch Erziehung und Tradition übernommen wurden.
An diesem Abend sitzt zwischen den Jugendlichen am Tisch ihr Gruppenleiter Mario. Der in Mexiko geborene Sozialarbeiter trägt Jeans, Pulli und Cap. Er schenkt Apfelsaft ein und legt Chips auf den Tisch. Sowohl Tellez, als auch sein Kollege Jad Turjman haben Migrationshintergrund. Für ihre Arbeit bei „Heroes “ sei das wichtig, um die jungen Männer verstehen zu können, aber auch um deren Vertrauen zu gewinnen.

Workshops auf Augenhöhe

Mario Tellez: „Die Jugendlichen wissen, dass wir Ähnliches erlebt haben oder immer noch erleben. Wir sprechen auf der gleichen Ebene miteinander. So entsteht Respekt.“
Tellez bildet in Salzburg bereits die dritte Gruppe männlicher Jugendliche zu „Heroes“ aus. Helden? Das wollen all diese jungen Männer sein. Keine Helden, die durch die Luft fliegen oder Autos schleudern können. Stattdessen wollen sie Helden des Alltags sein – in Jeans, Pulli und Sneakers.
Die Ausbildung dauert ein Jahr. Die beiden Schüler Osman Sivari und Salih Gönülalan sind bereits zertifizierte Helden des Projekts in Salzburg. Beide sind durch Freunde auf „Heroes“ aufmerksam geworden. Zu ihrem ersten Treffen in den Räumen von Akzente kamen sie, „um auch mitreden zu können“. Nun halten sie gemeinsam mit ihren Gruppenleitern Workshops in Schulen. In den Klassen veranstalten sie Rollenspiele und lassen die männlichen Schüler in die Lage von unterdrückten Frauen schlüpfen. Der 17-jährige Osman Savari erklärt: „Da wir nicht viel älter als die Schüler in der Klasse sind, trauen sich manche von ihnen zuzugeben, dass in ihren Familien nicht alle Mitglieder gleichberechtigt sind.“ Das Wichtigste, das die jungen Männer dabei in den Schulklassen weitergeben wollen, ist Einsicht und den Mut, etwas zu verändern.
Doch gerade bei festgefahrenen Rollenbildern brauche dies Zeit. Salih Gönülalan: „Bei Mobbing und Machogehabe hilft es jedoch oft schon, diejenige Person direkt darauf anzusprechen und nicht wie der Rest der Klasse wegzuschauen.“

Projekt kommt aus Schweden, Hauptsitz ist in Berlin

Seinen Ursprung hat das Projekt in Schweden. In Deutschland wurde es erstmals 2007 in Berlin gegründet. Mittlerweile gibt es die Ausbildung zum „Hero“ in sieben deutschen Städten. Salzburg folgte 2016 und Graz daraufhin ein Jahr später.
In Duisburg gibt es zudem eine weibliche „Heroes“- Gruppe, die Frauen das Selbstbewusstsein geben möchte, aus veralteten Rollenbildern auszubrechen.

Mehr über die Arbeit der „Heroes“: www.akzente.net

 

Interview mit „Heroes“-Gruppenleiter Jad Turjman: „Wir müssen uns an der eigenen Nase nehmen“

Jad Turjman ist einer der beiden Gruppenleiter von „Heroes Salzburg“. Der 29-Jährige hat die Geschichte seiner Flucht aus Syrien heuer in einem Buch veröffentlicht. Seine Erfahrungen prägen auch die Arbeit mit den Jugendlichen.

Warum hast du dich für die Arbeit bei „Heroes“ entschieden?
Jad Turjman: Bevor ich bei dem Projekt anfing, habe ich mich bereits täglich genau mit diesen Themen auseinandergesetzt. Zusammen mit Menschen aus meinem Umfeld habe ich Klischees hinterfragt. Das wollte ich schließlich zu meinem Beruf machen, um festgefahrene Rollenbilder langfristig und nachhaltig zu verändern. Dafür ist es wichtig, dass sich jeder zunächst selbst an der Nase nimmt.

Wer muss sich an der eigenen Nase nehmen?
Alle Menschen, die in einem fremden Land wohnen möchten. Es ist wichtig, dass diese ihre bisherigen Vorstellungen kritisch überdenken. Und das bevor man behauptet, Opfer von Rassismus zu sein. Wenn ich meine Rechte verlange, dann muss ich auch anderen ihre Rechte gewährleisten.

Liegt dir ein Thema des Projekts besonders am Herzen?
Das tun sie alle. Da ich aber zum Beispiel selbst erlebt habe, wie meine Schwester unterdrückt wurde, sind mir Frauenrechte besonders wichtig.

Hilft dir deine Ausbildung als Traumatherapeut beim Projekt „Heroes“?
Ja, obwohl nicht alle der Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, geflohen sind. Sie müssen nicht unbedingt Flucht erlebt haben, um ihren eigenen Rucksack mit sich zu tragen.

Fühlt sich eure Arbeit manchmal wie ein Tropfen auf dem heißen Stein an?

Manchmal, wenn ich an den Nahen Osten oder an andere Ehrkulturen denke. Hier in Salzburg vergleiche ich unsere tägliche Arbeit mehr mit einem Holzstück, das wir aus einem Turm entfernen. Dieser wackelt zunächst, bis er schließlich zusammenbricht. Dieses Ziel erreichen wir, wenn wir unsere eigenen Werte überdenken. Das allein bewirkt bereits eine große Veränderung.

Jad Turjman. Bild: Marco Riebler

Anna Boschner