Zugedröhnt am Steuer wird jetzt teuer

177.000 Drogenlenker bundesweit. Aber für ganz Salzburg gibt es nur zwei Speicheltestgeräte.

Europaweit nimmt die Zahl der Lenker, die unter Drogeneinfluss im Straßenverkehr unterwegs sind, stark zu. Während viele Länder auf die Entwicklung bereits reagiert haben, handelt Österreich erst jetzt. Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) will Drogenlenker künftig wie alkoholisierte  Fahrer mit mehr als 1,6 Promille behandeln, was heißt: 1600 Euro Mindeststrafe (statt bisher 800), ein halbes Jahr Führerscheinentzug (bisher ein Monat). 300 eigens geschulte Polizeibeamte werden flächendeckend Schwerpunktkontrollen durchführen.

Ein Drogenlenker auf vier Alkolenker

Laut einer Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) sind in Österreich jährlich 177.000 Lenker unter Drogeneinfluss unterwegs. Dies weiß man aus einer Dunkelfeldstudie, bei der die Befragten zu sozial unerwünschten (also ehrlichen) Antworten ermuntert wurden, erklärt der Leiter der KfV-Rechtsabteilung, Armin Kaltenegger: „Das Drogenproblem ist wesentlich größer, als wir geschätzt haben. Auf vier Alkolenker kommt inzwischen ein Drogenlenker. In Europa wird der Drogenkonsum immer ähnlicher dem Alkoholkonsum.“ Die Polizei habe bei Planquadraten sehr hohe   Trefferquoten. Die Führerscheinabnahmen bilden das aber (noch) nicht ab: Pro Jahr verlieren 20.000 den Schein wegen Trunkenheit, aber nur 1000 im Drogenrausch.

Halluzinationen durch Cannabis

Der Pinzgauer Polizeichef Kurt Möschl hat es mit einer recht aktiven Drogenszene zu tun. So habe man bei den „Rave on Snow“-Events an einem Wochenende auch schon 24 Drogenlenker erwischt. „Wir haben das Jahr für Jahr gemacht, bis sie irgendwann mit dem Taxi an uns vorbeigefahren sind“, beschreibt Möschl die Wirksamkeit von Kontrollen. Es brauche ein geübtes Auge, um  Drogenlenker zu erkennen. „Bei Cannabis sind die Bewegungen verlangsamt, die Pupillen groß, die Leute sind sehr redselig. Es  ist der Geruch im Auto, oder man findet etwas im Aschenbecher.“  Marihuana werde bagatellisiert, bestätigt der Bezirkskommandant: „Die Leute sagen, Kiffen ist harmlos. Rausch ist aber Rausch.“
Alexander Schorb, Leiter der Suchtambulanz an der Christian-Doppler-Klinik, erklärt warum Cannabis und Autofahren sich nicht vertragen. „Das Zeitempfinden ist verlangsamt. Betroffene fühlen sich subjektiv genial. Sie können Halluzinationen entwickeln, also Trugwahrnehmungen, das ist unvereinbar mit dem Lenken von Fahrzeugen.“ Aufputsch-Stimulanzien wie Speed, Crystal Meth, Ecstasy unterdrücken die Müdigkeit und euphorisieren. Was in paranoide Zustände mit gesteigerter Aggressivität und Risikobereitschaft kippen kann: „Die denken, ich bin der Größte, mir kann keiner was, die Polizei schon gar nicht“, schildert Oberarzt Schorb.

Schwieriger zu messen als Alkohol

Die  Beliebtheit von Cannabis zeigt sich auch in der Kriminalstatistik für Salzburg, die Bilanz 2018 in Stichworten: 30 Haftbefehle, 44 Hausdurchsuchungen, 400 Konsumenten, große Drogenfunde, sechs große Indoor-Hanfplantagen ausgehoben. Aber für das ganze Bundesland gibt es gerade einmal zwei Speichelvortestgeräte – die „mal da, mal dort sind“, wie es heißt. Und so wurden in Salzburg von 2016 bis April 2019 laut Innenministerium lediglich 147 Drogenlenker erwischt, während 5515 alkoholisierte Lenker angezeigt wurden.
Während Blutalkohol relativ einfach über die Atemluft zu messen ist, „gibt es für Suchtmittel derzeit laut Experten keine geeichten Messgeräte, die bei einer Straßenkontrolle die Substanzen  beweissicher aus Körperflüssigkeiten messen können“, sagt BMI-Sprecher Christoph Pölzl. Im Strafverfahren erfolge deshalb immer die Blutabnahme durch einen Amtsarzt. Der ist auf dem Land  aber oft nicht greifbar. Die Polizisten fahren mit einem Probanden deshalb meist in ein Spital. BMI und KfV testen gerade verschiedene Messgeräte. Ältere Tester könnten Cannabis nicht entdeckten, weiß KfV-Jurist Kaltenegger.„Die Polizei sagt aber, das sind 70 Prozent der Fälle.“ Neuere Geräte könnten die fünf wichtigsten Substanzen  durchaus verlässlich anzeigen: Cannabis, Kokain, Opiate,  Amphetamine, Metamphetamine.

Gesünder als Alkohol?

Der Glaubenskrieg rund um die Legalisierung und das „harmlose Gras-Rauchen“ tobt im Netz indessen weiter. Fakt ist, dass der nicht berauschende Bestandteil CBD schmerzlindernd wirkt. Die Grasfraktion sieht sich gegenüber der Gesellschaftsdroge Alkohol diskriminiert. Man spricht von einer „Jagt (sic) auf die Hänflinge“. „Die Regierung kann mich mal“, bringt ein Hanfbauer die Haltung vieler auf den Punkt.
Sonja Wenger

sonja.wenger@svh.at

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