Spiel mit der Sprache

Lesen (er)öffnet Welten. Gleich mehrere Festivals geben in Salzburg dazu gute Anreize – von der Landeshauptstadt bis in den Pinzgau.

Das große Lesen beginnt in Salzburg alljährlich mit den Rauriser Literaturtagen. Die gingen im April zum 49. Mal über die Bühne. Auf so eine lange Tradition kann man in der Landeshauptstadt nicht blicken. Aber auch hier kommt das Literaturfest Salzburg immerhin schon auf sein zwölftes Jahr. Literaturwissenschaftlerin Christa Gürtler, einzig verbliebendes Gründungsmitglied, zeichnet heuer für das Programm allein verantwortlich.

Das von ihr gewählte Motto „Etwas mit der Sprache machen“ ist von der Sprachpoetin Nora Gomringer entliehen – und hochpolitisch. Sprache produziert Wirklichkeit, sie kann auch missbraucht werden. „Die politische Sprache der Rechtspopulisten ist heute mit großer Energie dabei, unser Denken zu verändern. Gerade in Zeiten wie diesen können uns SchriftstellerInnen gegen Sprachmanipulationen misstrauisch machen“, erklärt Christa Gürtler. Sie habe deshalb Autorinnen und Autoren eingeladen, die ihren Fokus auf die Sprache richten, weniger auf das Erzählen und Erfinden von Geschichten. Die sich den Phrasen und der Mode widersetzen.

Schon der Eröffnungsabend am 22. Mai im Solitär der Universität Mozarteum – wie immer bei freiem Eintritt – wird zum Sprachspiel: Während der preisgekrönte Autor Tomer Gardi in „Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück“ eine moderne Scheherezade-Geschichte erzählt, springt die Spoken-Word-Performerin Ariane von Graffenried in „Babylon Park“ von einer Sprache zur nächsten. Komplettiert wird der Abend von Wiener-Gruppe-Legende Gerhard Rühm, der mit Monika Lichtenfeld Sprechtexte und Chansons bewährt schwarzhumorig darbietet (Anmeldung erforderlich: info@literaturfest-salzburg.at).

Das lustvolle Spiel mit der Sprache beherrschen auch Kultautor Wolf Haas, Rosa Pock, das Vater-Tochter-Duo Cvetka und Florjan Lipuš und natürlich Nora Gomringer, die mit Jazzer Günter Baby Sommer das Programm „Günter Grass: Grimms Wörter“ zu Gehör bringt.
Ein weiteres Highlight: Burgschauspieler Michael Maertens wird mit den Schauspielkollegen Annette Paulmann und Falk Rockstroh Ernst Jandls Sprechoper „Aus der Fremde“ lesen. Apropos Schauspiel: In Kooperation mit dem Thomas Bernhard Institut der Universität Mozarteum findet heuer im Mirabellgarten eine dadaistische Laut-Performance statt.

Die Sprachen Europas und ihr verbindendes Element

Eine lange Tradition, wenngleich nicht so lange wie jene von Rauris, hat auch das Festival „Europa der Muttersprachen“. Literaturhaus-Leiter Tomas Friedmann initiierte es 1995, im Vorjahr hat er es thematisch wie zeitlich aufgebrochen. War es früher auf ein Sprachgebiet begrenzt, so versucht es heute den Blick auf das Gesamteuropäische zu richten: „Ich will Grenzen sprengen – nicht vor Grenzen Halt machen, die für mich gar nicht mehr existieren“, begründet Tomas Friedmann seine Entscheidung. Gerade bei Künstlern gebe es viel Bewegung, Autorinnen und Autoren seien heute nicht mehr so einfach einem Land zuordenbar, viele lebten nicht mehr in ihrer ursprünglichen Heimat.

Das diesjährige Festival steht daher unter dem Motto „Die Vermessung Europas“ und hat als verbindendes Element Autoren, die auf dem Weg sind. Oder deren Protagonisten. Da kommt sogar Syrien ins Spiel. Der Schwerpunkt liegt aber auf (Süd-)Osteuropa. „Die Literatur aus diesen Ländern steht bei uns nach wie vor nicht so im Fokus. Außerdem sind die Autoren viel mehr unterwegs, viel mehr im Aufbruch, als etwa ihre deutschen Kollegen“, so Friedmann.

Das Festival erstreckt sich in loser Reihung von Mai bis Juni. Das habe auch organisatorische Gründe, schließlich müsse er an einem Abend zwei Autoren samt Übersetzern zusammenbringen, so Friedmann. Und Hochkaräter wie der Russe Vladimir Sorokin oder der bosnisch-kroatische Autor Miljenko Jergovic sind stark nachgefragt. Auch wären fünf Abende am Stück fürs Publikum eine Herausforderung.

Gartenlesungen und „Literatur findet Land“

Ein Wechselspiel aus Spannung und Entspannung steht am 17. und 18. Mai in Hallein auf dem Programm. „Mit den Gartenlesungen bringen wir einerseits beliebte Autoren nach Hallein. Andererseits lernen die Besucher durch die besonderen Locations in zwei öffentlichen und zwei privaten Gärten neue Facetten der Stadt kennen, die bisher im Verborgenen geblieben sind“, erklärt Halleins Tourismus-Chef Rainer Candido. Als roter Faden zieht sich das Krimi- oder Dramafach durch – auch stammen alle Autorinnen und Autoren bis auf eine Ausnahme aus Österreich. Neben den gebürtigen Halleinern Mareike Fallwickl und Manfred Baumann lesen Wolfgang Haupt, Günter Neuwirth, Alfred Komarek, Herbert Dutzler und Lisa Graf-Riemann.

Innergebirg startet der Verein Tauriska gemeinsam mit dem Rauriser-Förderungspreisträger Florian Gantner ein ehrgeiziges Literaturprojekt. Sie wollen Ende Juni in Neukirchen am Großvenediger die „vielzitierte Kluft zwischen Stadt und Land hinterfragen“, erklären die Veranstalter. Gleichzeitig sollen die Autorinnen und Autoren die Möglichkeit haben, neues Publikum zu finden. Wer denkt, man versucht die Premiere mit zugkräftigen Namen zu garnieren, der irrt. Das neue Festival verzichtet auf Publikumsmagneten. Was zählt, ist die literarische Qualität. Ein mutiger Einstand, keine Frage.

Übersicht über die einzelnen Termine
  •  Europa der Muttersprachen: „Die Vermessung Europas“, ab 7. Mai, Literaturhaus Salzburg
  •  „Aufgeblättert – Literatur in Halleins Gärten“: 17. und 18. Mai, Halleiner Altstadt
  •  12. Literaturfest „Etwas mit der Sprache machen“: 22. Mai bis 26. Mai, Stadt Salzburg
  •  „Literatur findet Land“, 27. bis 30. Juni, Neukirchen am Großvenediger

Von Petra Suchanek

Am Bild: Nora Gomringer gehört nicht nur gelesen, sondern auch gehört. Jazzer Günter Baby Sommer begleitet sie beim Literaturfest. Bild: Judith Kinitz

 

Dieser Beitrag ist im Kulturfenster Mai erschienen. Das Monatsmagazin liegt in allen Salzburger Kulturstätten zur freien Entnahme auf. Es kann auch kostenlos über die SN-App gelesen werden.