Ein Mord wegen 250 Gramm Gold?

Mordfall Krenn: Die Neuverhandlung platzte, weil der Haupttäter sich nur noch im Beisein seines Anwalts untersuchen lassen will. Der Krimi um Krenns Millionenerbe ist indes noch lange nicht geklärt.

Abgesagt: Mit einem Knalleffekt platzte diese Woche die Neuverhandlung im Mordfall Roland Krenn. Ein Geschworenengericht sollte bekanntlich die Strafhöhe der verurteilten drei jungen Beschuldigten neu verhandeln, nachdem der OGH einen Teil des Urteils wegen Rechtsfehlern aufhob. Demnach wurde der Einbruchdiebstahl nicht geklärt, konkret, wie der Schlüssel zu Krenns Villa in die Hände der Täter gelangte. Dessen Schlüssel ging in Wahrheit reihum, seine Villa glich nach seinem Verschwinden einem Vogelhaus. Der 25-jährige Hauptangeklagte, ein gebürtiger Pongauer, seine 22-jährige Ex-Freundin und ein 30-jähriger Gastronom waren im Vorjahr wegen Raubmords an dem wohlhabenden Immobilienbesitzer zu 15, sieben und 16 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die ebenfalls verfügte Einweisung des 25-jährigen Haupttäters in eine Anstalt für geistig höhergradig abnorme Rechtsbrecher ist der eigentliche Grund, warum der Prozess nunmehr verschoben wurde.

Probleme im Gefängnis

Die neuropsychiatrische Gerichtsgutachterin Adelheid Kastner wird den Pongauer neuerlich untersuchen. Sie hatte ihn in ihrem Erstgutachten als exemplarischen Fall einer „psychopathischen Persönlichkeit“ beschrieben, als einen jungen Mann mit hohem Risikopotenzial, neuerlich Delikte zu begehen. Diese Begutachtung erfolgte jedoch bereits 2017, was der OGH als zu lange zurückliegend beurteilen könnte. Diesen Nichtigkeitsgrund habe man dem Anwalt des jungen Mannes „nicht auf dem Silbertablett servieren“ wollen, weiß ein Kenner. Verteidiger Franz Essl wird mittlerweile nämlich zwei Privatgutachten vorlegen, wonach der 25-Jährige „keine psychopathischen Züge“ habe, nicht gefährlich sei und keinen Sondervollzug brauche. Essl hat in einem persönlichen Gespräch mit Richter Christian Hochhauser die Dynamik kräftig weitergedreht: Sein Mandant, erklärte Essl, wolle sich nur mehr im Beisein seines Anwalts von Kastner untersuchen lassen. Nun wird geprüft, ob diese Forderung rechtlich zulässig ist. Pikant ist: Der junge Mann wurde im Dezember auf Betreiben der Justizanstalt Puch in das Gefängnis Garsten, OÖ, verlegt. Der Grund ist dessen problematisches Verhalten im Vollzug, das zu sechs Ordnungsstrafverfahren gegen den 25-Jährigen geführt hat.

Sechs Ordnungsstrafen im Vollzug

Die Prozessabsage löste bei der Ex-Freundin Tränen aus. „Alle haben sich vorbereitet, meine Tochter, die Angehörigen, die Anwälte, und dann erfahren wir einen Tag vorher, es ist nichts“, schildert der Vater die Enttäuschung. Die 22-Jährige sitzt seit 2017 in der Justizanstalt Puch und beteuert seit Anbeginn ihre Unschuld. Es gibt, wie berichtet, schwerwiegende Hinweise, dass die junge Frau ein Justizopfer sein könnte. Die Verkäuferin wurde vom Pongauer erst Monate nach dessen Verhaftung belastet, als er erfuhr, dass die junge Frau einen neuen Freund hat. Der 25-Jährige erzählte der Polizei bekanntlich mehrere frei erfundene Versionen. Auch bei dem von ihm geschilderten zeitlichen Ablauf des Tattags gibt es „faktische Widersprüche, die nicht zur Tatversion passen und gegen die Beteiligung meiner Mandantin sprechen“, sagt Anwalt Kurt Jelinek über den umstrittenen Indizienprozess.

Zwei große Tatmotive

Fakt ist, dass die Spezialisten des Landeskriminalamts große Anstrengungen unternommen haben, um Krenns Verschwinden und dessen gewaltsamen Tod aufzuklären. Erst nach zehn Monaten fanden sie den Leichnam des 63-Jährigen in einem alten Schweinestall beim Gehöft des beschuldigten Wirts im Innviertel. Ihm hatte der hochgradig manipulative Erstbeschuldigte gesagt, er würde das Gebäude umbauen, er sei „Österreichs jüngster Baumeister“, er habe ein großes Autohaus in Salzburg gebaut. Der Gastronom ist ebenfalls nicht geständig, Krenns Leiche sei „ihm untergeschoben worden“.
Fakt ist weiter: Während der Ermittlungen öffnete sich für etliche Personen ein langes Zeitfenster, das redlich genutzt wurde. Denn zentrale Aspekte und Motive sind bis heute nicht geklärt.
Den Mordakt durchziehen zwei große Tatmotive – Krenns Millionenerbe und seine angeblichen Goldvorräte. Nachweislich fehlen aber nur 250 Gramm, einen großen Teil des Goldes hat Krenn selbst verkauft (siehe Kasten). Und eine der größten Fragen in dem spektakulären Fall ist die Frage, warum die Strafverfolgungsbehörden der Spur der Testamente nicht folgen? Krenns letzte Freundin hat ein notariell beglaubigtes Testament. Dann tauchte jedoch während Krenns Abwesenheit ein fragwürdiges Testament zu Gunsten seiner Schwester auf.

Polizist informiert die Schwester

Laut  Staatsanwältin Sabine Krünes musste Roland Krenn sterben, weil das verurteilte Trio „mit den Mitteln aus der erwarteten Erbschaft des Erstangeklagten ein schönes Leben  führen wollte.“ Denn Krenn, der mit seinem Vermögen gerne prahlte, sprach laut Zeugen öfter davon, den Pongauer zu adoptieren und ihm alles zu vermachen. So schildert es auch der Haupttäter. Es gibt aber bis dato kein derartiges Testament. Eine offizielle Abfrage der Polizei im Zentralregister der Notariatskammer warf im Jänner 2017 nur ein beglaubigtes Testament Krenns aus: Er setzte im Oktober 2015 seine letzte Freundin Ursula P. (44) als Alleinerbin ein. Als eine der Ersten und lange vor dieser Abfrage erfuhr – Krenns Schwester von dem Dokument. Im November 2016 sagt sie als Zeugin der Polizei: „Von Herrn L. weiß ich, dass Frau  Ursula P. angeblich Universalerbin des Vermögens meines Bruder sein soll, allerdings bezweifle ich das“, fügt die 57-jährige Hausfrau und „Schamanin“ (Facebook) noch hinzu. Herr L. ist ein Kriminalbeamter des Stadtpolizeikommandos, der drei Monate vor dieser Zeugeneinvernahme die behördliche Hausöffnung von Krenns Villa durchführte – zusammen mit dem Schwiegersohn von Krenns Schwester, der ebenfalls Polizist der Landespolizeidirektion ist.

Sie mistet am Tatort aus

Zwei Monate nach der Hausöffnung lässt sich die Schwester zur gerichtlichen Abwesenheitskuratorin bestellen und hat als solche Zugang zur Villa des Bruders. Krenns zweite Schwester und seine Ex-Freundin beeinspruchen das beim Bezirksgericht. Weshalb sie die 57-Jährige für „nicht geeignet“ halten, will diese gegenüber den Ermittlern nicht kommentieren. Die Beamten fragen, wie so oft, nicht nach. Die 57-Jährige und ihr Lebensgefährte, ein 52-jähriger Medizintechniker, halten sich „viel im Haus“ des Abgängigen auf. Beide sind mit dem Pongauer schon länger befreundet, führen mit ihm während der Ermittlungen teilweise lange Telefonate. Die Schwester mistet in der Villa des Bruders aus – entsorgt unter anderem einen Geox-Schuh, den ihr Bruder zum Tatzeitpunkt trug –, sie schafft Kisten in ein Lager in Bergheim, steigt „ohne Passwort“ in Krenns Laptop ein, öffnet seine Konten, tätigt geschäftliche Agenden, erstellt eine Liste fehlender Wertgegenstände und kauft einen Metalldetektor. Nicht bekannt ist, wann die Polizei die Villa zum Tatort erklärt hat. Am 1. Dezember 2016 werden Krenns Computer und Notebooks dem LKA zur Auswertung überbracht – durch den Polizisten und Schwiegersohn der Schwester. Das wäre alles nicht ehrenrührig. Warum aber schreiben die Ermittler den Aktenvermerk zu diesem Vorgang um? Setzen statt des Namens des Überbringers und Polizeikollegen jenen der Schwiegermutter ein (die Protokolle liegen dem SF vor)? Denn die Ermittler wussten laut Aktenlage nicht, dass Krenns Schwester nach monatelangen Aufräumarbeiten im Haus des Bruders ein Testament zu ihren Gunsten findet – und dass die Ersatzerben deren erwachsene (verheiratete) Kinder sind.

Und findet ein Testament

Neun Tage vor der Auffindung ihres Bruders im Mai 2017 entdeckt sie das freihändige Testament, das sie zur Alleinerbin macht, und bringt es zum Notar des Vertrauens. Der Polizei verschweigen sie und der Lebensgefährte den Fund: Es findet sich in den zeitnahen Zeugenaussagen dazu kein Wort. Das Testament soll am Fuschlsee Monate vor Krenns Verschwinden entstanden sein. Als Zeugen haben unterschrieben: der Lebensgefährte (der sich später in Widersprüche zum Schriftgutachten verstrickt), die Reitfreundin der Schwester und eine dritte, bis heute nicht identifizierte Person. Ursula P.s Eingaben und Beweisanträge wegen Betrugs hat die Justiz mehrfach abgeschmettert. Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Beteiligten wurden eingestellt.

Hauptbeschuldigtem „fällt noch was ein“

Laut mehreren ehemaligen Freundinnen und Bekannten hatte Krenn ein zerrüttetes Verhältnis zu seinen beiden Schwestern und nicht gewollt, dass sein Vermögen an sie fällt. Doch die 57-jährige Schwester hat im hauptbeschuldigten Pongauer einen Fürsprecher. Am Ende seines Geständnisses sagt er ungefragt nämlich das: „Mir fällt jetzt auch noch ein, dass ich einmal mit Krenn gesprochen habe. Er sagte damals, dass wenn ihm etwas passiert, entweder ich oder seine Schwester alles erben würde. Er wollte keineswegs, dass Ursula P. etwas erben wird.“ Die Frage der Beamten, ob die Schwester etwas mit dem Tod von Krenn zu tun habe, beantwortet er mit einem klaren „Nein“.
Sonja Wenger

mailto: sonja.wenger@svh.at

 

Die Schwester kauft einen Metalldetektor

Krenn verkaufte vor seinem Tod Goldbarren um 54.000 Euro.

Roland Krenn war laut Anklage „ausschließlich mit der Verwaltung seines großen Vermögens beschäftigt.“ Der alleinstehende, kinderlose Privatier hatte Mietshäuser, Wohnungen und Liegenschaften aus einer reichen Salzburger Unternehmerfamilie geerbt. Durch Immobilienverkäufe hatte Krenn mehrfach Gold bei der Salzburger Hypobank angekauft. Im Juni  2016 – einen Monat vor seinem Tod – verkaufte er laut Kontounterlagen drei Goldbarren zum Tagesgoldpreis von 54.096 Euro. Dies war zu einer Zeit, wo bereits der Pongauer in Krenns Villa ein und ausging. In der Zeit könnte die Geschichte um das versteckte Gold in einem Steiff-Bären entstanden sein. Der Pongauer erzählte sie den Beamten so: „Roland hat mir einmal erzählt, dass er etwas in einen Bären eingenäht hat. Er hat mir erzählt, dass der Bär 20- oder 30.000 Euro wert ist.“ Der arbeitslose Pongauer, der unter Tags schlief und exzessiv Drogen konsumierte, hatte „einen Haufen Schulden bei der Bank“ und schuldete dem zweitangeklagten Gastronomen 10.000 Euro für das gemeinsam konsumierte Kokain. Er habe, sagt der Pongauer wiederholt, „nur das Gold gewollt.“ Tatsächlich fehlen vom Gold laut Bank jedoch nur 250 Gramm im Wert von rund 5000 Euro. Krenns Schwester oder ihr Lebensgefährte erwarben nach Krenns Verschwinden jedenfalls einen Metalldetektor. Die Polizei erfährt davon von einer Mitarbeiterin der Firma, wo das Gerät gekauft wurde; sie hat im Fernsehen einen Bericht gesehen.
Die restliche, teilweise wiedergefundene oder fehlende Beute waren eine Kaminuhr, eine Armbanduhr, ein Briefbeschwerer, eine Fotokamera um 329,99 Euro, ein Navigationsgerät, ein Perserteppich, „Reichsmünzen“ und ein Schmuckkreuz.