Die unsichtbare Mama

Ich hab noch die Stimme meiner Mutter im Ohr: „Du könntest ruhig mal Danke sagen.“ Oder: „Alles, was ich tue, ist selbstverständlich für euch.“

Und: „Ihr seht das ja gar nicht.“ Als Teenager hat mich das genervt, heute denke ich: I feel you, Mama, I feel you. Heute ist nämlich auch alles, was ich tue, selbstverständlich. Und niemand sieht es. Das ist ein unlösbares Problem, denn aus der Erinnerung weiß ich: Als Kind findet man es tatsächlich selbstverständlich, versorgt zu werden – und als Erwachsener ist man ebenso traurig wie wütend, weil man nicht wertgeschätzt wird.

Karikatur Thomas Selinger Bild: www.seli.at

Aber wo verläuft der schmale Grat zwischen aufopfern und lieben? Man hätt ja keine Kinder kriegen müssen, das ist die ungeschönte Wahrheit. Es ist ohne Frage klar, dass man sie mit Lieblingsjoghurts und sauberen Unterhosen, mit Gummistiefeln in der nächsten Größe und vor allem mit Liebe ausstattet. Daran gibt es nichts zu rütteln, und ich werde meinen Kindern keine Schuldgefühle einpflanzen, indem ich überbordende Dankbarkeit oder gar Gegenleistungen verlange. Niemals!

Aber: Es ist schon hart, seien wir ehrlich. Man schuftet sich im Hintergrund ab wie der stämmige Kerl im Zirkus, der die anderen hebt, damit sie ihre Salti springen können. Man ist der Boris Blocksberg der Familie, die Background-Tänzerin, die gute Fee, die einen kurzen Auftritt hat, während alle nur auf Aschenputtel achten. Die Magie, die man wirkt, besteht in einem stets auf wundersame Weise gefüllten Kühlschrank, in frischer Wäsche und Geschenken für die Kindergeburtstage, in liebevoll hergerichteten Jausenboxen (die genauso voll oder halb zermanschkert zurückkommen), in der Bettwäsche mit den bevorzugten Superhelden, in Friseur- und Zahnarzt- und Impfterminen, in Spieldates und geflickten Hosen.

So viel Zeit steckt in all diesen Dingen, so viel Energie und Aufwand und Mitdenken, so viel Liebe. Es ist eine Liebe, die selbstverständlich ist – und die ebenso selbstverständlich nicht gesehen wird. Freilich werden Sie jetzt sagen, dass Liebe keine Gegenleistung verlangt. Sie möchte nicht honoriert oder bestätigt oder belohnt, aber sie möchte wahrgenommen werden.

Ich denke, die meisten Eltern werden jetzt erschöpft und zustimmend nicken. Vielleicht später, tröste ich mich dann, vielleicht im Rückblick. Spätestens, wenn sie selber Kinder haben. Und da hör ich wieder die Stimme meiner Mutter: „Wenn du selber Mama bist, dann wirst du’s schon sehen.“ Du hattest Recht, Mum, ich seh es jetzt.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at