Wie die Liebe glückt

Psychologe und Buchautor Georg Fraberger rät zu tabuloser Nähe und viel Zeit zu zweit.

Der Alltag ist stressig, Beziehungen scheinen kompliziert. Eine erfolgreiche Liebe kommt vielen Menschen heutzutage einem Wunder gleich. Wie man sie findet und lebt, beschreibt Georg Fraberger in seinem neuen Buch. Der Psychologe am AKH in Wien ist selbst von Geburt an körperlich schwer behindert, glücklich verheiratet und Vater von fünf Kindern.

 

SF: Herr Fraberger, mit Ihrer Behinderung hatten Sie keine leichten Ausgangsbedingungen. Wie ist es Ihnen gelungen, Ihre große Liebe zu finden?
Georg Fraberger: Dadurch dass ich Äußerlichkeit hintangestellt habe. Ich habe nicht versucht, mich anzupassen, Ich bin halt, wie ich bin. Für meine Frau war das kein Problem. Ich hatte das Glück, dass nicht meine Behinderung mein Lebensthema war, sondern die Liebe.

Sie haben die Liebe zu Ihrem Lebensthema gemacht?
Ich habe mich gefragt: Ärgere ich mich über Umstände, weil ich nicht von A nach B komme? Oder überlege ich mir, wie ich an die hübschen Frauen herankomme? Wie zeige ich, dass ich nicht nur ein Mensch bin, der nicht gehen kann? Ich bin ein sportlicher Mensch in einem unsportlichen Körper. Ich bin ein reicher Mensch ohne viele Ressourcen. Ich habe mir die Frage gestellt: Wer bin ich? Wenn ich mich damit beschäftige, was ich möchte, habe ich Freude. Eine Hauptausdrucksform der Liebe ist die Freude.

Was meinen Sie damit, dass man in einer Liebesbeziehung „mehr wird“?
Ich höre ganz oft von Patienten, sie müssen etwas aufgeben, wenn sie eine Beziehung eingehen. Das ist nicht so. Man wird mehr, je mehr man sich öffnet und gibt.

Wie wird man ein glückliches Paar?
Eine erfolgreiche Liebesbeziehung beginnt mit dem gesteigerten Interesse an jemandem. Glücklich wird man, wenn man merkt, der andere ist auch verliebt. Liebe ist eine Schwäche für einen anderen. Glücklich wird, wer erkennt, dass die Schwäche wichtig für die Beziehung ist. Man muss zu dieser Schwäche stehen! Wenn fünf Männer dastehen und lachen, weil ich sage, dass ich los muss, weil meine Frau wartet, sage ich: „Es tut mir leid, dass ich mehr Schwäche für meine Frau habe als für euch.“

Wie bleiben Paare miteinander glücklich?
Liebe allein genügt nicht. Man muss Zeit investieren. Die Dreiteilung acht Stunden Arbeiten, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf macht Sinn. Die meisten Leute opfern ihre Freizeit für mehr Schlaf oder Arbeit. Man glaubt, die Liebe bleibt eh da, aber das ist falsch. Man sollte die acht Stunden Freizeit kompromisslos mit dem Partner verbringen. Man sollte Ideen investieren, zum Beispiel was man zuhause ändern möchte und das mit seiner Frau besprechen. Es ist verführerisch, mit den Eltern oder der Freundin zu reden. Aber in einer glücklichen Beziehung gibt es keine beste Freundin, mit der man über die Beziehung redet.

Finden Sie es nicht normal, dass Freundinnen miteinander über ihre Partner reden?
Die Scheidungsrate von 50 Prozent ist auch normal. Über seine Beziehung sollte man mit dem Partner sprechen, nicht mit jemand anderen.

Sie warnen vor Liebesfaulheit. Was ist das?
Oft sitzen Paare bei mir, die sagen: In der Kennenlernphase sind sie viel miteinander weggegangen, haben sich bemüht. Kaum sind sie ein Paar, sitzen sie gemeinsam vor dem Fernseher und tun nichts mehr. Die anfängliche Harmonie schlägt in Lethargie um. Es ist wichtig, sich um den anderen zu bemühen und ihm das zu zeigen. Steht man zum Beispiel in der Früh für den Partner mit auf, sollte man sagen: „Du hast schon Glück, dass ich ich mit dir aufstehe und dir einen Kaffee koche.“ Wenn man betont, dass man etwas gibt, dann kann das auch gedankt werden.

Wo hakt es noch?
Die Akzeptanz des Körpers ist eine weitere Problemzone. Darf der Partner mit aufs Klo oder besteht man auf Privatsphäre? Wer Kinder hat, kennt diese absolute Nähe, die sollten wir auch mit dem Partner zulassen. Eines unserer größten Probleme ist, dass wir sagen: „Die Kinder werden sauber“. Es wird niemand sauber. Alle stinken. Privatsphäre ist störend für echte Nähe. Spätestens wenn wir pflegebedürftig sind, müssen wir uns einander zeigen. Ich finde es immer wieder furchtbar, wenn im Spital Menschen depressiv werden, weil sie nicht mehr alleine aufs Klo gehen können. Wieso die Grenze? Wir ziehen durch ein Gefühl von Schuld und Scham eine Grenze. Wir haben Sex miteinander, aber am Klo sagen wir Nein.

Wird es nicht unerotisch, wenn der Partner beim Klogehen dabei ist?
Nein. Liebe und Sexualität sind wie ein Fest. Ein Merkmal davon ist der rauschähnliche Zustand, wo man miteinander verschmilzt und sich miteinander naturalistisch zeigt.

Wie gestaltet man Langzeitbeziehungen sexuell?
Indem man diese Intimität wie einen Tanz behandelt. Wo man sagt, man muss mindestens ein Mal im Monat Tanzen, Essen oder ins Kino gehen. Diese Feste und die Sexualität braucht man, um aus dem Alltag auszubrechen, um Ja zum Leben zu sagen. Wenn man sich diese Zeit nicht nimmt, merkt man das bald im Bett. Bei den gemeinsamen Flüchten aus dem Alltag soll man sich bewusst sagen: „Freunde, Geldsorgen, das ist jetzt alles unwichtig.“

Von Sabine Tschalyj

Georg Fraberger: „Erfolgreich lieben. Wie man ein glückliches Paar wird und es bleibt“,
Residenz Verlag, 2019.

Bild oben: Georg Fraberger: „Wir müssen uns einander zeigen.“ Bild: Aleksandra Pawloff