Platzhirsch in Thalgau

Essen in Zeiten von Instagram: Weg mit der Speisekarte, Überraschungsmenüs für alle!

Platzhirsch – das ist ein Name, der mit breiter Brust daherkommt. Der Zwölfender, röhrend im Zentrum der Waldwiese. Man darf also Selbstbewusstsein annehmen bei Stefanie und Christoph Reinhartshuber, die vor vier Jahren ihr Restaurant mitten in Thalgau aufgemacht haben. Und selbstbewusst wirkt auch ihr nächster Schritt: weg mit der Speisekarte! Stattdessen gibt es Überraschungsmenüs für alle. Und die einzige Wahl, die der Gast noch hat, betrifft die Zahl der Gänge: vier (€ 55) oder sieben (€ 79).
Das ist erstmal eine Umstellung für jeden Stammgast, der sich auf dem Hinweg auf seine Leibspeise freute. Jetzt wählt nicht er das Essen aus, sondern der Reinhartshuber. Damit seine Kunden diesen Sprung mitmachen, muss der sich zuvor ein Ansehen erkocht haben. Selbstbewusstsein pur.
Um sich als Koch heutzutage einen Namen zu machen, reicht es nicht mehr, dass das Essen schmeckt – es muss auch etwas hermachen. Und zwar auf einem Handybild. Wem ist nicht auch aufgefallen, dass immer mehr Menschen erst den Teller fotografieren, ehe sie zu Messer und Gabel greifen? Der Verzehr ist die eine Hälfte des Vergnügens, die andere, manchmal wichtigere, ist das Aufsehen, wenn das frisch gepostete Bild beim Freund oder der Freundin ankommt. „Schau mal, wo ich bin!“, frohlockt dann die Textzeile: „Artischocken, krass!“ Und also muss die Speise hyperschön angerichtet sein auf einem speziellen Teller, damit sie auch wirklich den erwünschten Neid auslöst. Wobei die WhatsApp-Poster die Amateure sind, Profis haben sich längst bei Instagram eingeloggt. Und sie wählen den Ort ihres Abendmahls nach Instagram-Tauglichkeit aus.

Diese Gerichte erfreuen gleich mehrere Sinne.

Augenschmaus: Gepostet wird auf Instagram.

Wer sich im Netz die Essensfotos vom Platzhirsch anschaut, weiß den Grund ihres Glanzes. Ganz toll, wirklich. Der altmodische Vorkoster wollte wissen, ob die Schönheiten auch schmecken.  Trotz Fastenzeit war das elegante Restaurant gut gefüllt.
Ein Miso-Pastetlein kam als Gruß der Küche, hübsch säuerlich, fürs Optische ein Tupfen Avocado-Creme, geschmacklich top der Friséesalat mit Sesam. Rindscarpaccio folgte, kontrastiert von grünem Spargel und gelbweiß von zwei halben Wachteleiern. Eine Unterschicht Mascarpone machte das Fleisch saftiger. Der erste Spargel aus Italien brandete süß-bitter als Suppe um eine Insel aus säuerlichem Tatar einer Lachsforelle. Die gebratene Jakobsmuschel verstand sich gut mit Topinambur, gezupfte Kohlsprossen gaben den Hingucker. Vom Kalb kam dann ein Filetstückerl gebraten und ein Backerl geschmort, orange dazu die Minikarotte und grün der wilde Brokkoli, auch aromatisch ein Gewinn. Weiß ein fein-säuerlicher Topfenschaum, bräunlich der Kürbis-Schwamm – und das salzig-süße Karamelleis schmeckte vorzüglich. Christoph Reinhartshuber machte sich erstaunlich gut als Diener zweier Herrn: Das Auge von Gast und Kamera ward ebenso befriedigt wie dessen Gaumen.
„Ein paar Leute sind weggeblieben“, sagte er zur Umstellung. Er muss nun einerseits Mainstream kochen, etwas das jedem Kunden behagen könnte. Andererseits kann er das machen, was er wirklich gut hinbekommt. Tatsächlich ist sein Essen besser geworden. Mit dem Überraschungsmenü zwingt Reinhartshuber den Gast erfolgreich zu seinem Glück.

Platzhirsch,
Marktplatz 4,
5303 Thalgau,
Tel. 0664/2225379, www.platzhirsch-thalgau.at