Firmen preschen bei Lkw-Sicherheit vor

Bierkonzern, Beförderer rüsten ihre Flotten mit Abbiegeassistenten auf. ÖAMTC testet Technik.

Der schreckliche Tod zweier junger Menschen, die seit Jahresbeginn bei Unfällen mit schweren Lastkraftwagen starben, bringt nun Bewegung in die Dinge. Weil die Politik nicht handelt, preschen Firmen in bester unternehmerischer Haltung vor: So wird die Brau Union Österreich ihre Lkw-Flotte standardmäßig mit sogenannten Abbiegeassistenten nachrüsten. Auch Transportunternehmer statten – wie der Magistrat und das Land Salzburg – ihre Lkws mit mehr Sicherheit aus. Es geht um den toten Winkel – in ihm lauert der Tod.

Eltern starteten Petition

Praktisch jedes Jahr sterben Menschen, meist Fußgänger und Radfahrer, bei Kollisionen mit Lastwagen. Und das meist im innerstädtischen Verkehr und oft an Kreuzungen. 2018 verlor eine 79-jährige Radfahrerin bei der Friedensstraße/Alpenstraße ihr Leben; Jahre davor übersah ein überholender Lkw-Fahrer eine Lehrerin, die mit dem Rad auf rechten Fahrbahn der Sterneckstraße fuhr; auf dem Universitätsplatz kam eine Radfahrerin durch ein Müllfahrzeug der Stadt zu Tode. Dies war der Anlass, die Fahrzeuge mit zusätzlichen Spiegeln auszustatten. Der Tod eines neunjährigen Kindes in Wien – ein Lkw erfasste den Buben auf dem Schutzweg – löste bundesweite Erschütterung aus. Eltern, Pädagogen und die Radlobby Österreich riefen eine Online-Petition ins Leben: 74.000 Unterzeichner fordern eine Ausstattungspflicht für elektronische Tote-Winkel-Warngeräte für Nutzfahrzeuge über 3,5 Tonnen.

Hofer gegen Nachrüstung

Verkehrsminister Norbert Hofer lehnt dies ab. Im Parlament rechnete er die Zahl der Getöteten bei Rechtsabbiege-Unfällen detailliert heraus: 17 von 72 tödlich Überfahrenen  seit 2012. Die Einführung entsprechender Assistenten sei rechtlich nicht möglich, behauptet der FP-Politiker, zudem sei die Technologie noch nicht ausgereift: „Die Wiener Müllabfuhr berichtete beim Testbetrieb mit Assistenten von großen Problemen: Die Geräte können Hydranten nicht von Fußgängern und Radfahrern unterscheiden.“ Außerdem müsse ja jemand die Lebensmittel liefern.  Das magere Ergebnis eines Sicherheitsgipfels: Das Ministerium empfehle Rechtsabbiegeverbote an gefährlichen Kreuzungen, zudem könnten die Städte Spiegel anbringen sowie Zebrastreifen und Radwege neu zeichnen. Für die Petitionsaktivisten ist das ein Schlag ins Gesicht. Helge Fahrnberger, Vater und Radfahrer aus Wien: „Das ist sowas von perfide und zynisch.“

Kreuzungen entschärfen

Schon jetzt analysieren Städte und die Polizei regelmäßig sogenannte Unfallhäufungspunkte, mit dem Ziel, sie zu entschärfen. Den Unfallbericht zum jüngsten tödlichen Unfall in Salzburg – wo eine 24-jährige Oberösterreicherin starb – wolle man abwarten, sagt Michael Schwifz vom Amt für Stadtplanung. Generell sei es aber so: „Das Rechtsabbiegen zu verbieten, ist gar nicht so einfach, weil es potenziell zu viele gefährliche Kreuzungen gibt.“ Die Radlobby Salzburg hält die bauliche Trennung von Radwegen ohnehin für den eigentlichen Weg der Zukunft, so Klemens Pürmayr.
Anfang März wurde an der Kreuzung Vogelweiderstraße-Breitenfelderstraße die junge Radfahrerin getötet: Sie wollte geradeaus fahren, der Lkw bog rechts ab.  Auf einen Zeugenaufruf  der Polizei hat sich bis dato  niemand gemeldet.

Großer toter Winkel

Für Ursula Hemetsberger, die Radwegekoordinatorin des Landes,  ist diese Unfallkonstellation „leider klassisch“. Die Fahrer sitzen relativ hoch im Führerhaus und haben trotz komplexer Spiegelvorrichtungen einen großen blinden Fleck im Sichtfeld – den toten Winkel. Dass er nicht direkt am Lkw-Chassis liegt und in ihm eine ganze Schulklasse Platz hat, wissen die wenigsten. Ebenso, dass große Achsfahrzeuge beim Rechtsabbiegen zunächst leicht nach links ziehen müssen, ehe die Hinterräder in einem engeren Radius nachkommen. Es werde schwierig sein, glaubt Hemetsberger, den Unfallhergang zu rekonstruieren.

„Es geht nicht nur ums Geld“

Der ÖAMTC Salzburg wolle nun Vorreiter sein, sagt Chef  Erich Lobensommer: „Wir wollen alle Verkehrsteilnehmer dafür sensibilisieren, welche Gefahr  von einem Lkw ausgeht.“ Die Mitarbeiter der Fahrtechnik testeten gerade alle auf dem Markt befindlichen Assistenten. Man werde Geräte in acht große Abschlepper einbauen, dann Testergebnisse veröffentlichen. „Dann können sich die Flottenbetreiber schlau machen. Moderne Geräte sind kamera- und radargesteuert“, weiß Lobensommer.

Piepsende Elektronik im Führerhaus

Der  Transportunternehmer und Fachgruppenobmann Güterbeförderung der WKS, Maximilian Gruber, führt 33 große Fahrzeuge  in seinem Betrieb in Tamsweg. Er wolle alle mit Assistenten ausstatten. Dies seien Extras. Es gehe aber gar nicht so sehr ums Geld, wo ein neuer Lkw  100.000 Euro koste. Sondern vielmehr um die Überflutung mit piepsender Elektronik im Führerhaus. Gruber: „Wenn der Fahrer alles eingeschaltet hat, Spurhalte-, Abstell-, Bremsverzögerungs-, Beschleunigungsassistent, dreht der irgendwann durch. Dann schaltet der Dinge auch ab.“ Gruber ist „komplett gegen einen Alleingang von Österreich“, dazu sei der Wettbewerb mit den Oststaaten zu groß und die heimische Flotte zu klein. Er plädiert für mehr Eigenverantwortung und  wesentlich offensivere Pro-blemvermittlung in Schulen.

sonja.wenger@svh.at