Tatort Kirche: Als 13-Jähriger im Internat missbraucht

Der Salzburger Kurt Bauer schrieb mit 72, wie die Übergriffe in einem Franziskanerkonvikt sein Leben beeinträchtigten.

Dass es ihm heute so gut gehe, sei „ein Wunder“, sagt der Salzburger Autor und Filmemacher Kurt Bauer. Er hat den Missbrauch durch Ordensangehörige der Franziskaner an ihm in einem Buch niedergeschrieben („Tatort Kirche. Den Qualen entronnen“, Tredition Hamburg, 2018). Der heute 72-jährige, gebürtige Pinzgauer ist eines von tausenden Opfern weltweit, deren kindliche Schutzbedürftigkeit von Geistlichen mit Füßen getreten wurde. Das Ausmaß des lange vertuschten Treibens und Leidens bricht erst jetzt, auf praktisch allen Kontinenten, auf.

Kurt Bauer wurde mit 13 in ein von Franziskanern geführtes Internat in Oberösterreich geschickt. „Die Mutter hat für ihr Kaffeehaus gelebt, wollte mich nicht und brachte mich in das Franziskanerkonvikt“, so Bauer.

Zucht und Ordnung

Allein das hätte gereicht, um einen Jungen zu beeinträchtigen. Dann geriet der 13-Jährige jedoch auch noch in jenes perfide System, das für ein Missbrauchsszenario so typisch ist: Erwachsene heucheln ein wie immer geartetes, väterliches, spirituelles, sportliches Interesse am Kind, während sie in Wahrheit den sexuellen Übergriff im Sinn haben.

In Kurt Bauers Fall waren diese Männer Geistliche. Einer, ein Mann mit Pranken wie ein Löwe, schlug ihn. Pater Ägidius (Name geändert, verstorben) gab den guten Seelsorger, der den lebensunsicheren Zögling zum Priester machen wollte. Pater Ägidius erschien so „gütig, liebevoll und warmherzig“. Wenn er erzählte, wie unendlich lieb Gott im Himmel den Knaben habe, brach er vor Rührung in Tränen aus.

Was darüber hinaus noch passierte, konnte Kurt Bauer jahrelang nicht wahrnehmen. „Ich habe die Täter geschützt“, sagt Bauer. Es tauchte nur in plötzlich aufblitzenden Gedankenfetzen und Bildern auf (Flashbacks), kehrte als sich nie auflösender Traum wieder.

In jahrzehntelanger Therapie kamen die Geschehnisse Schritt für Schritt ans Tageslicht. Da war „ein dicker Mann mit unangenehmem Geruch, der sich immer wieder aufdringlich näherte . . . “. Die Unfähigkeit, sich (genau) zu erinnern, nennt die Fachwelt amnestische Blockade, es ist der Schutz des psychischen Apparats vor dem Zusammenbruch der Persönlichkeit, der erfolgen würde, wenn die angetane Gewalt und der Verrat (einer geliebten Vertrauensperson) schlagartig ins Bewusstsein dringen würden. Bei Berufsgruppen, die mit Missbrauchsopfern zu tun haben – bei der Polizei, Gerichten, in Medien –, aber auch in der Bevölkerung ist dieses Phänomen weithin unbekannt. Den Betroffenen wird das „späte Bewusstwerden“, das Bekanntmachen Jahre nach der Tat regelmäßig zum Vorwurf gemacht.

Qual der Selbstverachtung

Die posttraumatische Belastungsstörung, die ihm eine Therapeutin konstatierte, äußerte sich in namenloser Selbstverachtung, Scham- und Schuldgefühlen, Selbstmordgedanken. Seine erste Ehe zerbrach. „Dass es mir heute so gut geht, ist ein Wunder“, sagt Bauer. 2010 wurde er offiziell als kirchliches Missbrauchsopfer anerkannt, bekam eine Geldsumme und 30 Therapiestunden bezahlt.

Im Rahmen der Arbeit der unabhängigen Opferschutzkommission der katholischen Kirche wurden seit 2010 knapp 2000 Opfern Hilfsleistungen zuerkannt. Anfang 2019 beschäftigte sich erstmals der Vatikan offiziell in einem Hearing mit den weltweiten Missbrauchsfällen.

Von Sonja Wenger

Bild oben: Der gebürtige Pinzgauer  Kurt Bauer wurde   mit 13 Jahren ins Internat geschickt.    Bild: Marco Riebler