„Die Stadt noch einmal niederkämpfen“

ÖVP  und SPÖ schicken ihre Teams in die Stichwahl für das Bürgermeisteramt.

„In Lehen haben wir 1038 Stimmen, die SPÖ liegt bei 1210. Das ist unbeschreiblich, das ist ein Wahnsinn, dass wir in Lehen so viel holen.“   ÖVP-Bezirksgeschäftsführer Peter Mitgutsch kann sein Glück immer noch nicht fassen und badet  in den Wahlstatistiken. Der Parteistratege blickt auf eine tiefschwarz eingefärbte Stadtkarte, alles ist  seit dem Wahlsonntag  ÖVP-Land, nur   in vier Sprengeln – Lehen, Itzling/Kasern/Sam, Elisabeth-Vorstadt und Schallmoos – hat die SPÖ noch die Mehrheit.  Die  ÖVP hat  die  rote Stadt umgedreht (36,7 Prozent ohne Wahlkarten), nachdem sie   2014  mit 19,4 Prozent    ihren historischen Absturz erlebte und schwer in den Seilen hing.

Das Husarenstück des 59-jährigen ÖVP-Bürgermeisters   und Fahrschulbesitzers  Harald Preuner können selbst  Profis wie  Politikwissenschafter Reinhard Heinisch    nur annäherungsweise erklären. „Wir raten alle ein bisschen. So große Bewegungen,  die niemand auf dem Radar hat, haben meist mit größeren Ereignissen zu tun.“ Ein    Faktor sei  gewiss das überfallsartig  beschlossene  Neutor-Fahrverbot. Dem  Sicherheitspolitiker Preuner komme zudem  entgegen, „dass der Zeitgeist von rechts weht“. Sein Schachzug, Barbara Unterkofler in seinen Reihen aufzunehmen, habe die Neos geschwächt. „Frau Unterkofler konterkariert den älteren Bürgermeister als junge Frau“, so Heinisch.

Am  24. März tritt  der Seniorpolitiker gegen den  45-jährigen  SPÖ-Vizebürgermeister Bernhard Auinger zur Stichwahl an. Eine beispiellose Wahlkampfmaschinerie werde flächendeckend weitergehen, erklärt  Stratege Mitgutsch. „Wir haben tausende, wirklich tausende Hausbesuche gemacht. Gruppen von  sechs, sieben Leuten haben alles  niedergekämpft. Ein Zurücklehnen gibt es jetzt nicht. Wir haben alle noch die 294 Stimmen im Kopf“, erinnert  der Wahlkampfleiter  an den minimalen Abstand zwischen Preuner und Auinger bei der Stichwahl 2017.

Preuners Husarenstück

In Lehen, einem klassischen SPÖ-Bezirk, hat sich die Unternehmerin Stefanie Essl selbstbewusst vor die Stadtbibliothek gestellt und für die  Schwarzen geworben. Harry Preuner stehe für  „eine faire, gemeinsame Stadtpolitik“, wird die Juniorchefin der gleichnamigen Bäckerei auch im Stichwahlkampf  erklären. In Lehen rede man über den Verkehr und die Sicherheit. „Eine Dame hat ihr Chorsingen aufgegeben, weil sie sich nicht mehr allein mit dem Fahrrad zu fahren traut.“

Auch sie fühle sich nachts unsicher, meint die hochschwangere Gemeinderätin in spe.
In Maxglan ist die ÖVP (37 Prozent) an der SPÖ  vorbeigezogen (28,59 Prozent). „Es waren die letzten fünf Jahre“, erklärt der  umtriebige ÖVP-Gemeinderat, Landwirt und Polizist Franz Wolf: „Wir waren konstant am Bürger, haben uns um  Anliegen gekümmert.“     Was den  Leuten aktuell missfalle: die vermehrten Pkw-Einbrüche, die Neutorsperre („dass man das dem Bürgermeister so hingeschmissen hat“), „die Streiterei im Gemeinderat“. Eine „g’mahde Wiesn“ sei die Stichwahl dennoch nicht, meint  Wolf.

Denn die SPÖ will sich der Realität stellen. Was  bei den Genossen bedeutet, zu kämpfen.  „Jetzt erst recht“, gab Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer als Parole aus. „Politik ist mehr, als nichts zu tun, um Fehler zu vermeiden“, spielen die Roten auf Preuners Image als Verwalter an. Man werde   rennen, rennen, rennen – und die SPÖ habe einen langen Atem, sagt Hagenauer.

Auinger will kämpfen

Auinger gibt sich optimistisch, will  eine „Überraschung liefern“. Was schwer sein wird, denn die Zahl der Wahlberechtigten steigt, aber immer weniger nehmen ihr Recht wahr  (2017 gab es  113.258 Stimmberechtigte,  um 4213 mehr als 2009; zur  Stichwahl 2014 gingen  nur 30 Prozent). Nicht zuletzt hat dies mit der „bunter“ geworden Gesellschaft zu tun. Laut  Landesstatistikchef Gernot  Filipp  gibt es zunehmend Wahlberechtigte aus anderen EU-Staaten und zudem immer weniger Erstwähler. Traditionell am geringsten ist laut Heinisch  das Interesse bei Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund,  weil   im Elternhaus das Vorbild fehle. So blieben in der Elisabeth-Vorstadt 70 Prozent  den Urnen fern. Auinger will nun  „genau dorthin gehen“.

Die Wahlmüdigkeit helfe tendenziell der ÖVP,  weiß   Populismusforscher   Heinisch, da „die bürgerlichen, gebildeten Schichten leichter abzuholen sind als sozial schwache Menschen, die  glauben, ohnehin nichts ausrichten zu können.“  Die wichtigste Wählergruppe für die SPÖ seien inzwischen Frauen ab 40.
SPÖ-Bundesrat Michael Wanner tut sich mit dem politischen Umbruch ebenfalls schwer. „In Maxglan hat das Neutor  keine Rolle gespielt.  Die ÖVP hat einfach alles  abgesaugt.  Harry Preuner ist ein netter Kerl und steht für Konsens. Vielleicht wollte  man genau das bei dieser  Wahl.“

Von Sonja Wenger

Bild oben: Stefanie Essl warb in Lehen für die  „Schwarzen“: Im Bild mit Kanzler Kurz und Harald Preuner. Vorne v.l. Thomas Wuppinger, Sabine Rath,         Stefanie Essl und Gertraud Gehbauer. Bild: Marco Riebler