Lass dich drücken!

Profi-Kuschlerin vermittelt Geborgenheit. Besonders Singles sehnen sich nach liebevoller Berührung.

Als Single sehnt man sich oft  danach, einfach gehalten zu werden. Diese Erfahrung hat Christina Carina Heinze in ihren Singlephasen gemacht. „Da war niemand, an den ich mich  kuscheln konnte“, sagt die 32-jährige Ingolstädterin, die in Salzburg als Angestellte in einem Unternehmen arbeitet. Im Internet stieß sie  auf einen Profi-Kuschler in den USA. „Dort gibt es   Profi-Kuscheln schon lange“, sagt die 32-Jährige. Als sie herausfand, dass sich auch in Europa ein kleines  Kuschelnetzwerk gebildet hat, entflammte Heinze selbst für diese Form des Miteinander. Inzwischen ist sie der „Kuschelkiste“ beigetreten und in der Stadt Salzburg selbst als Profi-Kuschlerin aktiv.

Was sie  tut, wird von vielen argwöhnisch betrachtet, ist aber  eigentlich nur die Befriedigung eines zutiefst menschlichen Bedürfnisses nach Geborgenheit.Es läuft so:  In einem zehnminütigen Gespräch in Heinzes Wohnzimmer wird mit Hilfe des Buches „Kuschelsutra“ besprochen, welche Kuschelstellung der Kunde möchte. Dann wird bei leiser Musik auf dem großen Sofa  gekuschelt. „Es geht ums Wohlfühlen“, sagt Heinze.  Besonders gefragt seien ganz schlichte Streicheleinheiten, über den Kopf oder am Rücken. „Das beruhigt viele Leute sehr“, schildert die Profi-Kuschlerin. Am Anfang seien meistens beide nervös, Kunde und Kuschlerin. „Das ist ja normal“, meint Heinze. Oft ist es hilfreich, ein bisschen zu reden. Das ist erlaubt. Sexuelle Handlungen dagegen nicht. „Die Grenze zur sexuellen Ebene ist dünn“, sagt Heinze. Wichtig sei deshalb der zweiseitige Vertrag, den die Kunden unterschreiben müssen. Darin steht, was zum Abbruch des Kuschelns führt: Keine Berührungen auf nackter Haut oder im Intimbereich, keine Küsse.

Singles sehnen sich nach Berührung

Warum braucht die Welt Profi-Kuschler? „Weil wir große Berührungsdefizite haben“, antwortet Christina Carina Heinze. Alleinstehende Menschen können vielleicht ihre Katze streicheln. Berührt werden sie aber nirgends, außer wenn sie zu Frisör, Physiotherapie oder Massage gehen.
„Beim Kuscheln wird die Seele berührt“, meint Heinze und das sei mindestens genauso gesund wie massiert zu werden. Körperkontakt ist einfach gesundheitsfördernd: Er senkt  den Blutdruck, entspannt die Muskeln und lässt das Herz langsamer schlagen. Beim Kuscheln kommt die Emotion ins Spiel , die im besten Fall dazu führt, dass man sich so richtig angenommen fühlt und einfach loslassen kann. Um dieses Bedürfnis zu stillen, reisen Heinzes erste Kunden von Linz,  Wien oder Augsburg an.

Alois: „Man muss keinen Erwartungen entsprechen.“

Alois kommt aus dem Flachgau. Er ist Single, geht selten aktiv auf Frauen zu, sehnt sich aber nach Berührung. Bei „Carina“ bekomme er genau das, was er schon lange gesucht habe: „Wenn ich an schöne Momente in meinem Leben zurückdenke, waren da immer Berührungen im Spiel“, sagt er. Diese vermittelten ihm ein Gefühl von Geborgenheit. Den Kopf auf Carinas Schoß zu legen oder in der Löffelchenstellung aneinandergeschmiegt dazuliegen, das helfe ihm dabei, loszulassen. „Beim Profi-Kuscheln muss ich keinen Erwartungen entsprechen, wie es oft in einer Partnerschaft der Fall ist“, fügt der 49-jährige Selbstständige hinzu. Berührung sei für ihn die  Sprache der Liebe.

Manche halten Kuschel-Kurs für Sexparty

Den Freunden müsse man ja nichts davon erzählen, dass man zu einer Profi-Kuschlerin gehe, meint Alois ein wenig nachdenklich. Denn Verständnis hätten dafür nicht viele. Alois: „Carina wird schnell ins Rotlicht gerückt. Dabei hat das Kuscheln überhaupt nichts Anrüchiges an sich.“ Er empfehle  jedermann, dem „etwas fehlt“, das Kuscheln einfach auszuprobieren. „Wie kannst du mit jemand Fremden kuscheln?“, wurde die Profi-Kuschlerin anfangs auch von ihren eigenen Freundinnen und Bekannten gefragt. Manche Männer halten Heinzes Gruppen-Kuschel-Workshops für Sexparties. Wenn sie wer frage „Was, da geht nicht mehr?“, empfinde  sie das schon beleidigend, meint Heinze. „Wenn du Sex suchst, gehst du besser in den Puff“, erkläre sie diesen Männern.

Ihren jetzigen Lebenspartner lernte Heinze kennen, als sie gerade Profi-Kuschlerin geworden war. „Er konnte mit Kuscheln nicht so viel anfangen, hatte aber nichts gegen meine Arbeit“, sagt sie. Ihren Traum, mehr Berührung in die Gesellschaft zu bringen, hätte sie in jedem Fall weiterverfolgt.
„Ich sehe das als meine Aufgabe“, so Heinze. Ihr Freund habe sich mittlerweile zu einem „Kuscheltiger“ verwandelt und assistiere sogar bei den Workshops.

Von Sabine Tschalyj