Mehr Deutschstunden wären nötig

Türkischstämmige Lehrerin nimmt Politik und Eltern in die Pflicht. Die Neos-Kandidatin fordert mehr Sprachförderung.

Jung, weiblich, türkischstämmig und Lehrerin – das gab es  im Salzburger Gemeinderat so noch nicht. Mit der Wahl am 10. März dürfte sich das ändern. Auf dem  zweiten Listenplatz der Neos kandidiert Nevin Öztürk. Die in einer Salzburger Volksschule tätige Lehrerin nennt sich selbst „ein typisches Gastarbeiterkind“. Als Neos-Kandidatin fordert sie von der Stadtpolitik mehr Sprachförderung für Zuwandererkinder.

Die  Frau weiß, wovon sie spricht. Im Gespräch mit dem „Fenster“, ihrem ersten Interview, zeigt sich: Die junge Muslimin ohne Kopftuch sagt offen, was sie denkt – und das in akzentfreiem Salzburger Dialekt. „Ich bin im Hotel aufgewachsen, da ist man ständig unter Leuten“, erzählt Öztürk über ihr Aufwachsen in Maria Alm, wo ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern seit den 1980er-Jahren in der Küche und dem Zimmerservice eines  Pinzgauer Familienbetriebes arbeiten.

Dass Öztürk heute da ist, wo sie ist, lag an liberalen Eltern – und ihrem Volksschullehrer. „Er hat meinen Eltern gesagt, ich soll ins  Gymnasium gehen. In der Türkei ist das Wort des Lehrers Gesetz“, so Nevin Öztürk. In Österreich dagegen traue man sich kaum zu erzählen, dass man Lehrer sei. Liegt es am schlechten Image, dass kaum Migranten Lehrer werden? Das könne sein, meint Öztürk, aber auch der Umstand, dass ein Studium nötig sei. Dabei brauche es in Schulen mit vielen Zuwandererkindern neben mehr Sozialarbeitern und Schulpsychologen auch viel mehr Migranten-Lehrkräfte. „Die können so wie ich Schubladen sprengen“, meint sie. Oder ein Wort auf Türkisch aufschreiben (gesprochen wird Deutsch), wenn es ein Kind so gar nicht versteht.

Im Kindergarten nicht Deutsch gelernt

In Öztürks Schule gehen 90 Prozent Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache, sie habe „ihr“ Publikum gefunden. „Diese Kinder brauchen mich“, sagt die 31-Jährige mit festem Blick. „Man könnte verhindern, dass so viele  Kinder mit Sprachproblemen in die Schule kommen“, so die Pädagogin. Manche sechsjährige Kinder können keinen deutschen Satz sagen, wenn sie aus dem Kindergarten in die Volksschule kommen.Die „Spracharmut“ liege an Eltern, die zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen, an zu viel Fernsehen und Handyspielen und  an zu wenig Sprachförderung.

Die Neos fordern, dass  die Sprachförderung in den städtischen Kindergärten in kleineren Gruppen gemacht wird. Das Budget hierfür solle auf 270.000 Euro verdoppelt werden. Denn schon die Hälfte der Kindergartenkinder, darunter auch deutschsprachige, benötige Sprachförderung. Ein Jahr zuvor sei es erst ein Viertel der Kinder gewesen. Auch brauche es viel mehr Initiativen wie das „Rucksackprojekt“, das Zuwanderereltern in den Kindergarten einbindet und so Integration fördert.

„Eltern, lest mit euren Kindern“

Die Rolle der Eltern ist wesentlich.  Sie sage Eltern ihrer Schüler immer wieder, so Öztürk: „Lasst euch von euren Kindern auf Deutsch vorlesen. Zeigt Interesse!“ Erst durch Lesen lernten Kinder ein Gefühl für eine Sprache. Das sei vor allem für türkischstämmige Schüler wichtig: „Im Türkischen gibt es  weder Artikel noch  Fälle.“ Auch das Gefühl von Zusammengehörigkeit fördere den Spracherwerb. „Das fehlt leider, seit es die Deutschförderklassen gibt“, bedauert Öztürk. Die gemeinsame Zeit mit deutschsprachigen Kindern betrage nur noch fünf Stunden pro Woche.

Die Lehrerin nimmt aber auch die türkische „Community“ in die Pflicht: „Wenn Migranten  nach Jahrzehnten in Salzburg noch kaum Deutsch sprechen, hat das auch mit Bequemlichkeit zu tun.“ Viele dieser Frauen bräuchten Deutsch nicht unbedingt, da gehe der Mann arbeiten und übersetze beim Arzt einfach das Kind. „Das ist nicht gut“, meint Öztürk. Für Frauen und vor allem für Kinder wolle sie in die Salzburger Stadtpolitik gehen. Kindergartenpädagoginnen und Lehrkräfte seien diejenigen, die wüssten, was Kinder in punkto Bildung brauchen. Öztürk: „Wir prägen die Kinder. Darum müssen wir viel mehr mitreden können.“

Von Sabine Tschalyj

Bild oben: Nevin Öztürk kandidiert bei der Salzburger Gemeinderatswahl am 10. März auf Platz 2 der Neos. Die Lehrerin fordert mehr Sprachförderung für Zuwandererkinder.
Bild: Tschalyj