„Neutorsperre bringt mehr Lebensqualität“

Die Verkehrspolitik von ÖVP und FPÖ ist von vorgestern, sagt die Grüne Martina Berthold. Die Ex-Landesrätin will das Amt von Johann Padutsch antreten: Mit mehr Ideologie.

Frau Berthold, was möchten Sie verändern?
Martina Berthold: Die drängendsten Themen sind der Verkehr und das Wohnen. Es gibt sehr viele Menschen, die sich das Wohnen in der Stadt kaum mehr leisten können.

Wie kommen Sie ins Büro und wie wohnen Sie?
In der Stadt fahre ich  mit dem Fahrrad, ab und zu auch mit dem Bus. Gemeinsam mit meinem Mann besitze ich ein Auto. Ich habe in sieben verschiedenen Stadtteilen gewohnt, die längste Zeit in  Miete. Vor einigen Jahren haben wir uns eine Wohnung in der Elisabeth-Vorstadt gekauft, davor hatten wir eine Haushälfte.

Wissen Sie, was eine private Garconniere kostet?
650 bis 700 Euro laut den Immobilieninseraten, die ich ab und zu lese. Das ist sehr teuer, daher fordern wir, dass die Stadt eine aktive Bodenpolitik betreibt. Sie soll selber Grund kaufen und bebauen oder durch eine gemeinnützige Genossenschaft bebauen lassen. Gleichzeitig müssen wir uns die Wohnbauförderung kritisch anschauen.

Die haben Sie im Land aber mitbeschlossen.
Die Wohnbauförderung musste nach dem Finanzskandal neu aufgestellt werden. Für den geförderten Wohnungsbau in der Stadt fordern wir die grundsätzliche Aufteilung 80:20, also 80 Prozent Miete und 20 Prozent Eigentum. Wir sind klar gegen die Privatisierung von kommunalem Wohneigentum. Auch die Aufweichung der Grünlanddeklaration wird es mit mir nicht geben.

Der Grünlandschutz ist doch längst ein Hemmnis, das Bauland komplett unerschwinglich macht.
Eine Stadt muss sich entscheiden: Soll die Lebensqualität erhalten bleiben, gerade in Zeiten des Klimawandels, oder soll alles verbaut werden? Wir haben in Salzburg 4000 leerstehende Wohnungen, für die fordern wir ein Hauptwohnsitzgebot. Dieses wirkt schneller und intensiver als eine Leerstandsabgabe. Wenn jemand erbt, muss binnen sechs Monaten ein Hauptwohnsitz begründet werden, egal ob man vermietet oder selber darin wohnt.

Wer eine Gemeindewohnung will, muss jetzt Deutsch können. Warum sind Sie da dagegen?
Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Es mit Kriterien der deutschen Sprache  zu verknüpfen, sehe ich sehr  kritisch. Dass Menschen unsere Sprache lernen, um sich schnell integrieren zu können, unterschreibe ich sofort.

Viele sagen, die Grünen tun alles für die Migranten.
Alle sollen in der Stadt gut zusammenleben können. Menschen die seit Generationen hier verwurzelt sind, Menschen, die als Gastarbeiter zugewandert oder zu uns geflüchtet sind. Klar ist aber auch: Unsere Grundwerte gelten für alle. Bei Frauenverachtung oder Gewalt gibt es für mich keine Toleranz.

Wie soll Nachbarschaft gehen, wenn in einem Haus 80 Prozent der Menschen nicht Deutsch können?
Wir haben in Salzburg Bewohnerservicestellen, die bei Problemen helfen. Das ist eine gute Tradition. Bei allen großen Wohnbauprojekten soll es eine Quartierbetreuung für alle Bewohnerinnen und Bewohner geben.

Jetzt ehrlich, möchten Sie selbst so leben?
Die gute Durchmischung ist das Um und Auf. Nicht alle Probleme des Zusammenlebens, so realistisch bin ich, können gelöst werden. Übrigens habe ich als damals zuständige Landesrätin verpflichtende Basis-Deutschkurse für Asylbewerber eingeführt.

ÖVP und FPÖ wollen die Neutorsperre wieder kippen. Was tun  Sie dann?
Für unsere Lebensqualität und Gesundheit braucht es dringend eine neue Mobilitätskultur. Notwendig sind attraktivere Busverbindungen, mehr Radwege und Raum fürs Zu-Fuß-Gehen. Dazu gehört auch die verkehrsberuhigte Innenstadt und weitere Begegnungszonen wie zum Beispiel in Maxglan. Wie erklären ÖVP und FPÖ den Menschen in Salzburg, dass sie sich gegen ein Mehr an Lebensqualität stellen?

Sie sind gegen die Mönchsberggarage. Beim Europark parkt man gratis.
Der Ausbau der Garage würde täglich 3000 Fahrten zusätzlich bringen und 26 Millionen Euro Minimum kosten. Dieses Geld kann viel besser investiert werden in schnellere und mehr Busse und hundert mehr Pendlerparkplätze am Stadtrand.

Haben Sie Angst vor den großen Fußstapfen des Johann Padutsch?
Wir haben unterschiedliche Schuhgrößen. Er macht Politik auf seine, ich auf meine Art.

Sonja Wenger