Das goldene Geschäft mit der Leiharbeit

 Seit der Krise brummt das Personalleasing: Millionengewinne, keine Bankschulden. Eine Branche im Höhenflug.

Sie gelten als Arbeitnehmer zweiter Klasse und verrichten jene Arbeiten, die die meisten Österreicher nicht mehr machen wollen. Leiharbeiter oder Zeitarbeitnehmer, wie die um Imageverbesserung bemühte Branche ihre Mitarbeiter nennt, sind dort zu finden, wo die Arbeit schwer, schmutzig und belastend ist: Sie töten  Tiere in Schlachthöfen, putzen Krankenhäuser und Schulen, mischen Beton an Großbaustellen, kleben Schaumstoff an Häuserfronten, lenken  Schwertransporter tausende Kilometer über Europas Straßen, geben in Callcentern Auskunft.

„Zu teuer für die Hotellerie“

Das Personalleasing hat sich seit der Wirtschaftskrise 2008 stürmisch entwickelt. Geboren aus der Geschäftsidee zweier US-Anwälte, die 1948 kurzfristig eine Schreibkraft benötigten, ist die Anmietung von Arbeitskräften heute ein Sparmodell für Konzerne und ganze Industriezweige. Für die Rekrutierer ist es ein einträgliches Geschäft (siehe Info rechts).
Bundesweit sind im Jahresschnitt  96.000 Arbeitnehmer temporär beschäftigt, in Salzburg sind es 4200 Personen.
72 Firmen, darunter viele Einmann-Anbieter  im „Selbstverleih“, sind im Bundesland angemeldet.  „Der Trend hat massiv nach der Krise eingesetzt. Man ist vorsichtiger geworden mit Direktanstellungen“, weiß Branchensprecherin Tanja Graf, gesellschaftende Geschäftsführerin von Personal 25   und ÖVP-Nationalratsabgeordnete. Die größte Wachstumsbremse sei inzwischen der Fachkräftemangel.

Umsatzsteigerungen

Dennoch können smarte Einsteiger – oftmals Umsteiger aus der Baubranche – binnen kurzer Zeit zu Wohlstand gelangen, wie ein Blick in das Firmenbuch bestätigt. Der Jahresabschluss einer mittelgroßen Firma in Salzburg: 26 Prozent Umsatzsteigerung, Bilanzgewinne  von 800.000 bis 1,1 Mill. Euro, keine Schulden bei Banken, allerdings hohe Verbindlichkeiten gegenüber Abgabenbehörden und Sozialversicherungsträgern – wie sie nicht selten nach    den Prüfungen durch Finanzamt und Gebietskrankenkasse auftreten. Und die Löhne der Zeitarbeitnehmer selbst?

10 Euro Mindestlohn

„Sind weltweit die besten“, behauptet Markus Archan, Chef von Hofmann Personal und Präsident des Verbands der Personaldienstleister. Es gelte in Österreich gesetzlich nicht nur „equal payment“, sondern „equal treatment“, also der Zugang zu den Sozialleistungen  der  Stammbelegschaft. Ein  Hilfsarbeiter verdient mit Leiharbeit netto 10,05 Euro Mindeststundenlohn, der Kunde bezahlt brutto  22,50 Euro, die Lohnnebenkosten trägt die Leasingfirma. Damit sei man für  die  Hotellerie zu teuer, die für einfache Tätigkeiten 7,50 bis 8 Euro in der Stunde bezahle, erklärt Archan, warum kaum Kräfte  in die Tourismuswirtschaft vermittelt werden.
Billige Baupartien aus PolenFachkräfte verdienen 18 Euro netto und  kosten 40 Euro brutto – und mehr. Sie kann die Branche trotz kräftiger Expansion noch weniger liefern. In einem Weiterbildungsfonds versucht man gering Qualifizierte zu schulen, hat bereits 200 Ausbildungen durchgeführt. Das Problem, so Archan kritisch, sei die Schonhaltung. „Wir haben in Österreich ein ausgeprägtes Sozialsystem. Wenn jemand 1300 Euro vom Staat bekommt und von uns bekommt er 1400 Euro,  bleibt der zu Hause. Es geht um den Willen, dass ich am Morgen aufstehe und etwas leisten will. Das ist die halbe Miete.“
Leiharbeit fördere Lohn- und Sozialdumping, lautet eine andere Kritik. Laut Finanzpolizei werden jährlich 700.000 ausländische Arbeitskräfte nach Österreich entsendet. Die Hälfte über Zeitarbeit. Und es  gebe „kriminelle Konstrukte, die wir auch anzeigen“ (Archan).

Sozialdumping durch Ausländer

Sekretär Klaus Scherer von der Gewerkschaft Bau-Holz kennt die ausländischen Partien. „Das sind Mannschaften aus Polen, Ungarn, Rumänien, Portugal, die mit Bussen unterwegs sind. Die bieten sich als Truppe an und machen Abstriche.“ Sie arbeiten an Samstagen, oft mit internen Betriebsvereinbarungen, verdienen selbst als Hilfsarbeiter deutlich mehr als zu Hause: „700 bis 800 Euro in Polen, 1400 bis 1500 netto bei uns“ (Scherer). Die Kontrollen durch die Bauarbeiterurlaubskasse erfolgten nicht im notwendigen Ausmaß.

Unternehmerin Tanja Graf: „Man ist mit Direktanstellungen vorsichtiger geworden.“ Bild: Marco Riebler

Jobbörse für Asylberechtigte

Österreichs größter Vermittler Trenkwalder unterstützt die Initiative der Bundesregierung, die mehr als 30.000 Asylberechtigten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Wir haben genügend offene Stellen. Wir bieten allen passenden Bewerbern, denen es an den nötigen Sprachkenntnissen fehlt, Deutschkurse auf unsere Kosten an“, so Geschäftsführer Matthias Wechner zum SF. Unternehmerin Tanja Graf machte die Erfahrung, dass der arabische Männlichkeitswahn oft das größte Hindernis ist. Ein Syrer kam vom AMS. Als eine Mitarbeiterin sich seiner annahm, meinte er: Von einer Frau lasse er sich gar nichts sagen. Tanja Graf: „Zu dem haben wir gesagt, er kann gehen.“

Sonja Wenger

 

Personalleasing mit 2,7 Milliarden Euro Umsatz

Österreichs Leiharbeitsfirmen erzielten 2017 einen Gesamtumsatz von 2,7 Milliarden Euro. Die Top 10 decken mehr als 50 Prozent des Marktes ab, so die Consultingfirma Interconnection, Wien. Branchenprimus Trenkwalder kam 2018 auf 280 Mill. Euro,  Hofmann Personal auf 220 Mill. Euro. Die Branche zahlt laut dem Dachverband jährlich mehr als 800 Mill. Euro an Steuern und Abgaben. 10,05 Euro netto ist der geringste Stundenlohn für einfache Leiharbeit in Österreich. Fachkräfte kommen auf 18 Euro und kosten die Kunden 40 Euro.