Die Rosa-Blau-Falle in Kinderbüchern

Ich reg mich nur selten auf, aber es gibt etwas, das macht mich ganz narrisch: Kinderbücher.

Seit ich Kinder habe, denen ich vorlese, stelle ich fest, dass die Kinderbuchverlage offenbar in den 1950er-Jahren steckengeblieben sind: Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, moderne Kinderbücher zu finden, die nicht gegendert sind. Die mutigen Buben erobern die hohe See und den Dschungel, die sanften Mädchen kichern in der Feenschule und bewundern ein Einhorn. Es macht mich so wütend!

Karikatur Thomas Selinger Bild: www.seli.at

Ich verbringe viel Zeit damit, nach Büchern zu suchen, die dieses veraltete Narrativ aufbrechen. Ich will nicht, dass meine Kinder mit diesem rückständigen Blödsinn gehirngewaschen werden. Ich will weibliche Heldinnen oder Duos, in denen Mädchen und Buben gemeinsam die Welt retten, ich will Seeräuberinnen und Väter, die den Haushalt machen. Ich will Buntes und Klischeefreies, ich will Diversität und dicke Kinder, die keine Außenseiter sind. Krieg ich aber nicht. Ich krieg nur Glitzer-Bullshit und Mini-Testosteronbolzen.

Dass das keine Einbildung meinerseits (und anderer Eltern) ist, hat die Süddeutsche Zeitung kürzlich bestätigt – in einer groß angelegten Studie zu Geschlechterklischees in Kinderbüchern. „Was Mädchen in der Tendenz vorgesetzt bekommen, ist eher einseitige Ernährung, zu süßlich, zu fad, zu kalorienarm. Denn gleichberechtigt sind Jungen und Mädchen in den Kinderbüchern allzu oft nicht. Und das ist ein Problem, denn Kinderbücher bilden, prägen, sozialisieren, erziehen mit“, heißt es darin.

Am schlimmsten ist ja Conni. Die kommt mir nicht ins Haus. Conni ist so eine brave kleine Mutti, die gern bäckt und putzt, während Die drei ??? bravourös Fälle lösen. So viel zu Vorbildern. „Nun kann man sich fragen, ob es überhaupt eine Rolle spielt, ob mehr weibliche oder männliche Hauptfiguren Abenteuer erleben. Schließlich können sich auch Jungs in Mädchenfiguren hineinversetzen und umgekehrt“, schreiben die Autoren der SZ-Studie. „Doch die Kluft zwischen den Geschlechtern ist nicht nur Zahlenspielerei, sondern entscheidend. Weil die Figuren in Kinderbüchern den jungen Lesern Orientierung geben, weil sich Kinder mit den Figuren in ihren Büchern identifizieren (wollen), weil solche Rollenvorbilder nachweislich das Selbstbewusstsein stärken.“

Dann eben wieder und wieder Ronja Räubertochter – bis sich auf dem Buchmarkt endlich etwas ändert. Quelle: „Blaue Bücher, rosa Bücher“, Süddeutsche Zeitung vom 11. 1. 2019. Wer Tipps für gute Kinderbücher möchte, wende sich vertrauensvoll an mich.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at