Die Macht des Zufalls

Na, ist bei Ihnen im neuen Jahr auch alles beim Alten? Eh, was soll sich auch ändern, nur weil die Jahreszahl um eins höher ist.

Ob 2018 oder 2019, Dezember oder März, ist dem Leben ja wurscht. Wir Menschen aber bauen Rituale rund um den Jahreswechsel und erwarten, dass jetzt etwas beginnt. Die Zukunft zum Beispiel, diese ominöse Zeit, von der man nur weiß, dass sie noch nicht da ist.

Karikatur Thomas Selinger Bild: www.seli.at

Über diese Zukunft hatte ich ein interessantes Gespräch mit jemandem, der glaubt, dass es keinen Zufall gibt. Dass alles, was geschieht, die Konsequenz von etwas ist, das zuvor geschehen ist. Ist logisch. In der Theorie. Man müsste, meinte mein Gesprächspartner, alle Daten sammeln und einspeisen und könnte vorhersagen, was sich geradezu zwangsweise als Nächstes ergibt.

Mal abgesehen davon, dass man diese Daten weder kennt noch sammeln noch verarbeiten kann: Sind wir Menschen wirklich so berechenbar, so durchschaubar? Würde der freie Wille diesem Datenzentrum nicht einen Strich durch die Rechnung machen? Oder sitze ich einem Irrglauben auf, wenn ich denke, dass wir frei entscheiden, sind wir in Wahrheit gesteuert – von Trieben, Instinkten, Manipulation – und nicht in der Lage, etwas Unvorhersehbares zu tun?

Es ergab sich eine hitzige Diskussion, weil ich die Vorstellung, meine Handlungen seien das Ergebnis von Mechanismen, auf die ich kaum Einfluss habe, seltsam trostlos finde. Warum verliebt man sich in den einen Menschen und in alle anderen nicht? Wieso sitzt man im Flugzeug neben dieser Frau, die eine Freundin wird, weshalb wohnt man nicht am anderen Ende der Welt?

Vielleicht bin ich mit zu viel Romantik geimpft, ich möchte an die Macht des Zufalls glauben. Und außerdem: was ist mit dem Schicksal? Wenn ich zurück ins Haus laufe, weil ich etwas vergessen habe, und mich gerade deshalb der Bus nicht erwischt, der mich sonst überfahren hätte – wie lässt sich das berechnen?

Und zu guter Letzt: Würden Sie es wissen wollen? Würden Sie sich im Voraus darüber informieren, was Ihnen bevorsteht im Leben, morgen, nächste Woche, in zehn Jahren? Ich dachte zu Silvester rückblickend wieder: was für ein Jahr. Hätte mir jemand gesagt, dass das alles passieren würde, ich hätte es nicht geglaubt.

Und das ist es doch, was unser Leben spannend macht: das Unberechenbare, das Zufällige. Selbst wenn es auf logischen Konsequenzen beruht, ist es für uns überraschend. Nur dass Sie jetzt über die Zukunft nachdenken, das ist kein Zufall. Weil Sie nämlich immer das Zuckergoscherl lesen. Sehen Sie – damit hab ich gerechnet.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at