Das Elend der Zusteller

Willkür, Lohnabzüge, windige Arbeitsverträge. In der Paketlogistikbranche ist ein neues Prekariat rund um Einmannfirmen entstanden. Salzburgs Arbeiterkammer gewann schon 51 Prozesse.

Die Arbeiterkammern schlagen Alarm. Im reichen Österreich arbeitet eine Klasse von Menschen unter Bedingungen wie um die Jahrhundertwende.
„Die Paketzusteller der privaten Minifirmen haben katastrophale Arbeitsbedingungen, das ist purstes Prekariat, das sind Leibeigene“, sagt Heimo Typplt, Leiter der Rechtsabteilung der Salzburger AK. Die  Juristen haben in nur zwei Jahren 51 Arbeitsgerichtsprozesse geführt und noch keinen einzigen verloren. In der Beratung habe man ein Mehrfaches.

2700 Euro vom Lohn abgezogen

Ein aktueller Fall: Ein Paketzusteller stellte in Salzburg  in einem Jahr täglich 150 Pakete zu, an Spitzentagen sogar bis zu 300. Dennoch gingen übers Jahr verteilt 21 Pakete verloren – wofür der Chef dem Ausfahrer sukzessive 2700 Euro vom Lohn abzog. Die Pakete verschwinden, weil sie rasch wohin geworfen werden, vor die Haustür, in den Garten, ein anderer sich bedient.

Wild-West-Methoden

„In dem Gewerbe herrschen oft noch Wild-West-Methoden“, weiß Typplt. Massiver Zeitdruck, massenweise unbezahlte Überstunden, Lohnabzüge wegen behaupteter oder tatsächlicher Nichtzustellung seien an der Tagesordnung. Teilweise gebe es nicht einmal Verträge und Löhne. „Das Extremste ist sicher die Arbeitszeit, die Menge an Überstunden. Die Leute fahren 12, 14 Stunden ohne Einhaltung von Ruhezeiten, auch an Wochenenden.“ Jeder kennt das: Ein mehr oder minder rostiger Diesel-Kleinlaster rast durch die 30er-Zone, Türe auf, Motor laufen lassen, Paket abgeben, weiterrasen. Stadtbewohner klagen   über ein zunehmend zugeparktes Wohnumfeld durch die Flut an Liefer-Lkws.

Die Post schnitt bei einem Test des Vereins für Konsumenteninformation am besten ab. DHL, UPS & Co lieferten „durchschnittliche“ bis „wenig zufriedenstellende“ Zustellservices. Bild: Robert Ratzer

„Behörden sollen strafen“

Am schlimmsten sind die Zustände bei den kleinen, lokalen Minifirmen. Bei den großen Logistikunternehmen dürfte es „tendenziell besser sein“, so Typplt. Oftmals ziehen ausgeschiedene Fahrer dieser Firmen selbst etwas auf. Die meisten haben Migrationshintergrund und  eine schlechte berufliche Ausbildung. Typplt: „Das sind vor allem Türken, die machen einen Dienst auf und fahren, bis sie wieder insolvent sind. Die schreiben sich die Verträge selbst, die googeln das,  man stoppelt sich das zusammen.“ Das größte Problem sei, dann mühselig einen rechtlichen Status herauszufiltern. „Oft ist es auch schwierig von der Sprache her, obwohl wir Dolmetscher haben.“

Pakete gestohlen

Die AK Oberösterreich half gerade vier Rumänen, die man nach Österreich lockte, zweieinhalb Wochen arbeiten ließ und dann ohne jegliche Zahlung vor die Tür setzte. Ein rumänischer Zusteller in Salzburg wiederum rächte sie selbst: Er stahl zehn Pakete mit iPhones und Laptops, wurde zu 720 Euro Strafe verurteilt.
Befeuert wird die Branche vom Online-Handel. Jurist Heimo Typplt wünscht sich, „dass die Behörden  diesem Treiben  nicht zuschauen, sondern mehr strafen. Man kann Schwerpunktkontrollen machen, das Arbeitsinspektorat schicken, das geht bis hin zum Entzug der Gewerbeberechtigung.“ Die Beschäftigten dieser Branche verdienen faire und menschliche Arbeitsbedingungen, meint AK-Präsident Peter Eder.

Sonja Wenger

 

208 Millionen Pakete

Der Verein für Konsumenteninformation VKI testete die Paketzustellung  in der Steiermark im Auftrag der AK. Geprüft wurden 150 Zustellungen von DHL, DPD, GLS, UPS und Post. Nur zehn Prozent der Zustellungen gelang ohne Fehler. Der Testsieger ist eindeutig die Post. GLS und UPS schnitten „durchschnittlich“ ab, DHL und DPD mit „wenig zufriedenstellend“.  2017 wurden österreichweit 208 Millionen Pakete verschickt.