Wo Salzburger ohne Vorwissen musizieren

Ein Instrument spielen ohne Noten lesen zu können? Mitglied eines Chors sein ohne singen zu können? In Salzburg ist das möglich.

Pünktlich zur Vorweihnachtszeit gibt es in Salzburg ein neues Orchester. Wer nun an geübte Philharmoniker mit jahrelanger musikalischer Erfahrung denkt, irrt sich. Um beim Community Orchester mitzuspielen, müssen die Mitglieder nicht einmal Noten lesen können. Ähnlich funktioniert das Konzept von Salzburgs erstem Ich-kann-nicht-singen-Chor. Beide Angebote richten sich an all diejenigen, die musizieren wollen, ohne dies (scheinbar) zu können.

Aber wie soll das klingen? Während des Besuchs des SF beim Community Orchester darf jeder Teilnehmer zunächst alle Instrumente ausprobieren. Danach gibt Leiterin Mirjam Bauer Anweisungen und kombiniert dadurch mehrere Klänge.
Maria Winkler nimmt zum dritten Mal am Spiel des Orchesters teil. Sie selbst nennt sich eine „blutige Anfängerin im Musizieren“. Ohne zu zögern greift sie jedoch zum Xylofon und probiert die von Mirjam vorgegebenen Töne aus. „Bei jedem Treffen bleibt ein bisschen mehr hängen. In der Gruppe ist es außerdem immer lustig.“

Nach der Aufwärmphase  schlägt Mirjam vor, ein Weihnachtslied zu komponieren.  Die 27-Jährige hat am Orff-Institut in Salzburg Musik- und Tanzpädagogik studiert. Das Community Orchester gründete sie, um allen Menschen, die sich bisher für unmusikalisch hielten, das Gegenteil zu beweisen.

Das Community Orchester trifft sich immer mittwochs um 17:30 Uhr. Foto: Anna Boschner

Auch Anfänger können komponieren

Noch vor der Keks-Pause stehen der Refrain und dessen Melodie. Nach der Pause lernen die Teilnehmer die Noten auf den Instrumenten zu spielen. Am Ende entsteht ein Teil eines neuen Weihnachtsliedes. Mirjam: „Durch niederschwellige Kompositionsmethoden möchte ich Menschen die Möglichkeit geben, sich mit Musik auszudrücken und diese nicht nur zu reproduzieren.“ Das Konzept beruhe auf Spendenbasis, denn Musikunterricht sei oft teuer. „Jeder soll es sich aber leisten können zu musizieren“. Die Instrumente bringt die Salzburgerin selbst mit. „Die meisten sind meine eigenen. Alle anderen stammen von meinem Vater. Er ist Instrumentenbauer.“

Das Community Orchester lockt nicht nur Anfänger an. Stefan Traunmüller ist Musikproduzent. Er mag die Offenheit des Orchesters, da es keine Regeln gäbe. Während des Treffens spielt er die Noten des Weihnachtsliedes auf der Melodica immer wieder vor, bis auch die Neueinsteiger sie verinnerlicht haben. Genau darum gehe es Mirjam: „Anfänger lernen von den Fortgeschrittenen und andersherum.“ Musik stehe für sie für soziale Verbundenheit. „Eine Stimme allein ist schön. Kommt eine zweite hinzu, sind das jedoch viel mehr als nur zwei Stimmen.“

Das Community Orchester trifft sich immer mittwochs um 17:30 Uhr. Foto: Anna Boschner

Talentshows steigern die Nachfrage nach Chören

Das Interesse an musikalischen Angeboten, vor allem an Chorgesang, stieg in Salzburg in den letzten Jahren stark. Der Verband zählt derzeit 423 Chöre, vor sechs Jahren waren es  350. Beatrix Hinterhofer, Leiterin des Chorverbands: „Vor allem nach öffentlichen Veranstaltungen, wie der Langen Nacht der Chöre, steigen die Anmeldezahlen.“ Interessenten haben die Wahl zwischen zahlreichen Arten, wie Gospel, Volkslieder oder Kirchenmusik. Anfänger und Fortgeschrittene werden gleichermaßen aufgenommen.
Verena Fellinger, Geschäftsführerin des Kulturvereins Kunstbox, führt die hohe Nachfrage nach Chören auf Fernsehsendungen zurück, in denen immer wieder Gesangstalente gesucht werden. „Singen sollte jedoch nicht nur den Profis vorbehalten sein.“
Deshalb gibt es in Seekirchen seit fast einem Jahr, unter der Leitung von Richard Griesfelder, den Ich-kann-nicht-singen-Chor. Dieser trifft sich vierteljährlich im Emailwerk. Jeder darf kommen. Gesungen werden Klassiker, wie von den Beatles.
„Nach 20 Minuten singt der Chor bereits dreistimmig. Am Ende jedes Treffens erlebe ich hundert strahlende Gesichter, denn singen macht glücklich“.
Aufstiegschancen gibt es auch: Wer sich beim Ich-kann-nicht-singen-Chor wohlfühlt,  kann danach im Gospel- und Popchor der Kunstbox singen.

Richard Griesfelder leitet den Ich-kann-nicht-singen-Chor. Foto: Leo Fellinger

Anna Boschner

Community Orchester: Mittwochs um 17:30 Uhr in den Räumen des MARK Salzburg. Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Ich-kann-nicht-singen-Chor: Der nächster Termin ist am  1. Februar 2019. Unkostenbeitrag: 10 Euro. Anmeldung unter: verena.fellinger@kunstbox.at
Mehr zum Chorverband unter: http://www.chorverbandsalzburg.at/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.