Die Last der Welt auf den Schultern

Sobald man ein Baby aus sich rausgepresst hat, passieren ganz viele ganz arge Dinge. Das mit der Liebe ist arg.

Und der Gedanke, dass dieser neue Mensch Teil von einem ist, auch. Was mich aber am meisten aus der Bahn geworfen hat, war dieses unerwartete, absurd riesige Gefühl der Verantwortung.

Da hast du auf einmal ein winziges atmendes Menschlein auf dem Bauch, und es liegt an dir, dass es überlebt. Das entfacht eine ungekannte Panik, weil: So ein frischer Mensch – Entschuldigung – stirbt ja ziemlich leicht.

Karikatur Thomas Selinger Bild: www.seli.at

Er ist ungemein verletzbar, er verhungert und verdurstet schnell, er erstickt, wenn irgendwas auf seinem Gesichtchen liegt, runterfallen darf er um Gottes Willen nirgends, nicht mal den Kopf kann er allein halten. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Das hat die Natur nicht sehr klug eingerichtet.

Und bis man Papa oder Mama wird, ist man halt nur für sich selber verantwortlich – auch wenn man was Saublödes macht, sich ins Koma säuft oder sich den Haxen bricht, weil man glaubt, dass man da eh sicher noch runterspringen kann.

Muss man aber auf einmal für jemanden sorgen, der man nicht selber ist, für jemanden, der wirklich absolut völlig auf einen angewiesen ist, kann man schon Panik kriegen, finde ich. Und dabei weiß man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass das jetzt nie mehr aufhören wird.

Kann das Kind später sehr wohl seinen Kopf halten und auch mal wo runterspringen, weil es größer ist und selbstständiger, macht man sich trotzdem immer Sorgen. Wenn es laufen und klettern lernt, wenn es die ersten Freundschaften mit Arschlochkindern eingeht, die es ausnutzen, wenn ihm das Herz gebrochen wird.

Als Eltern muss man nicht mehr nur für das eigene Wohlergehen Entscheidungen treffen, sondern auch für das der Kinder. Und was ist das Richtige? Woher soll man das wissen? Werden sie uns später vorwerfen, alles falsch gemacht zu haben – und vielleicht auch noch zu Recht?

Werden wir dann klassisch sagen: „Aber ich hab es doch nur gut gemeint?“ Für gewöhnlich halte ich ja Plädoyers gegen das Helikoptern und für mehr kindliche Eigenständigkeit, aber Leute, ernsthaft: Diese Last auf den Schultern ist schon schwer.

Weil man seinen Kindern ja nur das Allerbeste wünscht. Und es ihnen am liebsten auf dem Silbertablett servieren würde. Während sie möglichst geschützt vor allem Schmerz sein sollen. Nur ist das Leben nie schmerzfrei, und Silbertabletts sind aus. Den Kindern Eigenverantwortung mitzugeben, gehört halt auch zu unserer Verantwortung.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at