Mythen umrankt zum Welthit

Was ist wahr am Stille-Nacht-Lied? Kürzlich wurde in Berndorf ein Stille-Nacht-Denkmal enthüllt, das F.X. Gruber mit Gitarre zeigt.

Manchem stieß das auf. Gruber spielte nicht Gitarre, so der Vorwurf. Auch in Oberndorf steht so ein Denkmal (siehe Foto). „Gruber spielte Geige. Für einen Geiger ist es nicht schwierig, Gitarre zu spielen. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Gruber Gitarre spielte, aber auch keinen, dass er nicht spielte“, sagt Paul Estrela von der Stille Nacht GmbH.

Und ergänzt: Vieles rund um die Entstehung des weltberühmten Liedes sei Annahme, nicht Faktum. Etwa, dass Mauracher das Lied mit nach Tirol brachte und die Rainersänger es nach Amerika mitnahmen. Dass die Mäuse die Orgel anknabberten, fällt schon eher unter fantastische Erzählung. Was Estrela nicht stört: „Diese Geschichten machen das Lied lebendig.“

Und er spannt den Bogen ins Heute: Information sei ein Organismus, der sich verändert. Das sehe man in Zeiten von Social Media deutlich. Die Menschen färben Informationen seit jeher – unbewusst – subjektiv ein, ergänzen und interpretieren sie, auch gibt es bewusst gestreute Fake News.

Was kann uns Stille Nacht darüber hinaus heute noch sagen? Darauf antworteten vier Künstler im Rahmen des Artist-in-Residence-Projekts der Schmiede Hallein, eines von rund 100 Projekten im Jubiläumsjahr, das die Stille Nacht GmbH fördert.

Hallein: „Silent Air“-Projekt

Das Ergebnis ist derzeit im Stille-Nacht-Museum Hallein als zeitgenössische Ergänzung zur Gruber-Ausstellung zu sehen. Vera Drebusch und Florian Egermann gehen in ihrem Werk „Schmelz“ auf den Rock’n’Roll-Moment des Liedes ein. „Was wir als tiefste Tradition wahrnehmen, war in Wahrheit ein Bruch mit der Norm: in einer Kirche Gitarre zu spielen“, sagt Schmiede-Chef Rüdiger Wassibauer.

In Wachs gegossene Gitarrenplektren verdeutlichen die Vergänglichkeit des Moments. Eni Brandner betont in ihrer Videoinstallation den familiären Aspekt des Liedes und dessen „virale“ Verbreitung. In Anlehnung an John Cage entschleunigt Soundkünstler Richard Eigner in „ASLSP“ das Lied in einer eigenen, 200-stündigen Version (eine Stunde für jedes Jahr).

Wassibauer: „Die Arbeiten sind Interpretationen mit grundsätzlich anderen Aussagen. Die eine Sicht auf das Lied gibt es nicht, das ist das Besondere an Stille Nacht.“

Von Petra Suchanek

Zum Bild: Gruber mit Gitarre? Paul Estrela und Rüdiger Wassibauer vor dem Stille-Nacht-Denkmal in Oberndorf. Bild: Ulrike Ablinger