„Ich bin unschuldig“

Junge Salzburgin erhielt sieben Jahre Haft im Mordfall Roland Krenn. Es gibt schwerwiegende Hinweise, dass die Verurteilung der 21-jährigen Drittangeklagten ein Justizirrtum ist.

Seit 14 Monaten sitzt die junge Salzburgerin Lisa Maier in Untersuchungshaft in der Justizanstalt Puch (die Beschuldigten werden aus medienrechtlichen Gründen mit fiktiven Namen zitiert). Nie hätte die 21-Jährige sich vorstellen können, dass sie ihren Geburtstag in einer kleinen vergitterten Zelle feiern würde. Die junge Erwachsene  wurde im Juni wegen Mitwirkung an der Ermordung und Beraubung des wohlhabenden Salzburger Privatiers Roland Krenn zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Doch   Lisa Maier beteuert beharrlich, sie sitze unschuldig in Haft. „Ich habe mit dem Tod von Roland Krenn († 63) nichts zu tun. Ich war nicht in seiner Villa, ich habe nichts geraubt,  ich habe nichts gestohlen. Ich habe nicht einmal mitbekommen, dass Roland tot war.“

Der Haftalltag lenkt sie ab

Zwei der acht Geschworenen sahen das ebenso. Maiers Verteidiger Kurt Jelinek führt  in einer 36 Seiten starken Nichtigkeitsbeschwerde an den Obersten Gerichtshof alle wesentlichen Fragen und Ungereimtheiten an: „Es gibt begründete und schwerwiegende Hinweise, dass  Lisa Maier Opfer eines Justizirrtums ist.“

Das „Fenster“ hat die junge Frau in der Haft besucht, mehr als zwei Stunden mit ihr gesprochen. Die zarte, mädchenhaft wirkende 21-Jährige wirkt gefasst. Der Haftalltag lenkt sie ab: 6:30 Uhr Wecken, Frühstück, Arbeiten in der Wäscherei, Sport, Hofgang. Sie müsse zurechtkommen. Ende August 2017 wurde sie verhaftet. Eine Woche, bevor sie eine neue Stelle als Shopleiterin hätte antreten können. Bei den Vernehmungen habe sie geweint, „weil die Polizei mir nicht geglaubt hat“. Bis zum Gerichtsverfahren war Lisa Maier fest davon überzeugt, dass ihr nichts passieren könne. „Ich habe mir gesagt, wenn man unschuldig ist, kann man nicht verurteilt werden.“ Als der Wahrspruch verkündet wurde – „schuldig“ – fuhr es wie ein Blitz durch sie.  „Da habe ich den Glauben an die Justiz  verloren.“

„Pathologischer Lügner“

Es gibt von Lisa Maier keine DNA am Tatort, ihr Handy war zur Tatzeit nicht bei Krenns Haus eingeloggt. Lisa sitzt, weil ihr Ex-Lebensgefährte, der schillernde Erstangeklagte Reinhard Hammetseder (Name fiktiv), Anschuldigungen gegen sie (und den Zweitbeklagten) erhebt. Auf seinen Aussagen, die er x-fach variiert und abgewandelt hat, weil sie faktisch falsch und erfunden waren, beruht die gesamte Anklage. Die psychiatrische Sachverständige  Adelheid  Kastner hat den 25-jährigen Pongauer begutachtet. Die erfahrene Analytikerin attestierte dem jungen Mann am Ende eine „psychopathische Persönlichkeit mit höhergradig geistig-seelischer Abnormität“. Es liege sogar das seltene „Vollbild einer Psychopathie“ vor (30 von 36 Punkten laut   Checklist) – eine Diagnose, die vom Verteidiger des Pongauers bestritten wird. Hammetseder, der „hochfrequent Kokain konsumierte“ und viel Alkohol trank,  sei kein gefährlicher Psychopath, zitiert Anwalt Franz Essl ein Privatgutachten.

„Kontakte mit Jeunesse dorée“

Adelheid Kastner beschreibt den Probanden indes als  Blender mit „oberflächlichem Charme“, der „pathologisch lüge“ und dabei mühelos „plausibel erscheinende Narrative extemporiere“. So berichtet er von einem Lebensstil mit Partys und Modeschauen in Paris, von „umfangreichen Kontakten mit einer Art ,jeunesse dorée’ und vermögenden Persönlichkeiten“. Er stellte sich auch als „jüngster Baumeister Österreichs“, Adeliger, Millionärssohn vor. Roland Krenn nannte den 25-Jährigen, der gut Gitarre spielte und kleine Dienstleistungen erbrachte, „den Barden“. Die triste Realität war, dass der junge Mann mit handwerklichem Lehrabschluss regelmäßige Arbeit vermied, wiederholt staatliche Unterstützung bezog (Kastner), von der Mutter Geld bekam, so Lisa Maier.  „Er schlief untertags, wenn ich arbeiten war.“ Angebliches Mordmotiv: 10.000 Euro Schulden beim Zweitbeklagten, der ihn mit Kokain versorgte.

Racheakt aus Eifersucht

Der Pongauer  führte die Polizei mit zahllosen Versionen vom Tatgeschehen monatelang an der Nase herum. Denn an Krenns mumifiziertem Leichnam fanden sich keine verwertbaren Spuren mehr – vor allem nicht das angeblich verwendete Betäubungsmittel Noctamid, dessen Erwerb Lisa Maier am stärksten belastet.
Am 11. September 2017 versicherte Hammetseder den Ermittlern,  er habe mit dem Pfarrer geredet, er wolle nun „ein umfassendes Geständnis ablegen“. Zunächst sagt er, Lisa habe „nichts vom Schlafmittel in den Pralinen gewusst“. Er habe sie „ein oder zwei Tage zuvor gefragt, ob sie mir die Schlaftabletten besorgen kann, weil ich nicht schlafen kann“. Was Lisa Maier auch tat und nicht bestreitet. Dann verstrickt Hammetseder sich abermals, „seine Einlassungen sind wieder nicht schlüssig“, notieren die Beamten und machen eine zehnminütige Vernehmungspause. Während dieser Unterbrechung  teilen sie dem 25-Jährigen mit, dass Lisa Maier „einen neuen Freund“ habe –  ins Protokoll schreiben sie das nicht. Und erst jetzt, genau nach dieser Mitteilung, „begann der Erstbeklagte Lisa Maier massiv zu belasten und gab an, dass die Lisa von allem gewusst habe“ (Nichtigkeitsbeschwerde). Sein Schwenk liest sich so: „Die Lisa hat von der ganzen Planung und Ausführung der Tat gewusst. Sie hätte mit mir die Wohnung ausräumen sollen (…) Sie war ganz begeistert. Vor allem deshalb, weil wir uns einen Teil vom Gold behalten sollten“ – das man nirgends, jedenfalls nicht bei Lisa Maier, fand.

Mithäftling belastet Ex-Freund

Sie bezeichnete die Anschuldigungen   stets als „frei  erfunden“, als Racheakt aus Eifersucht.  Was der Häftling M.K. in der Jugendabteilung der JVA Puch,  der  Hammetseder  aushorchte, bestätigte: „Er sagte, dass er die Lisa Maier so schwer belastet habe, weil sie bereits drei Monate nach seinem Haftbeginn einen neuen Freund hatte und ihr eins auswischen wollte.“ Hammetseder habe nach ihrer  Inhaftierung „jede Nacht durch das Fenster gerufen: Lisa, es tut mir so leid, Lisa, ich liebe dich so“, sagt die 21-Jährige.

Verstörendes Verhalten

Laut Gutachterin war die  „eher einfach strukturierte“ junge Frau ihrem hochmanipulativen Partner nicht annähernd gewachsen. Sie sei in eine pathologische Beziehungsdynamik gerutscht. Lisa spricht von einer schönen Kindheit auf dem Land mit Kühen und Hühnern am Nachbarbauernhof, der Vater Prokurist mit gutem Einkommen, die Mutter Verkäuferin, problemlose Schulzeit. Sie lernt Einzelhandelskauffrau, betreibt Sport, spielt Klarinette in der Musikkapelle ihres Heimatorts.
„Er hat mir den Kopf verdreht, am Anfang war es auch gut“, sagt Lisa. Reinhard habe einen Hund besorgt („unser Kind“), eine Wohnung in Obertrum angemietet. Dann aber benahm er sich zunehmend verstörend, warf sie nachts hinaus, kränkte sie („du bist dumm, keine vollwertige   Frau“), zwang sie zu Sex, kontrollierte ihr Handy – und entschuldigte sich nach jedem Exzess wort- und tränenreich. „Ich war abhängig,  das habe ich gelernt“, meint Lisa. Warum ihr „der Reinhard“ das alles antue, könne sie bis heute nicht verstehen.

Sonja Wenger