Der Hund läuft oft nicht rund

Und keiner merkt es: Wie Herrl und Frauerl Tierleid verhindern können – oder auch Hundetrainer mit geschultem Auge.

Wer Schmerzen hat, zieht sich zurück, will sich nicht bewegen, wird lustlos, leichter wütend oder gar aggressiv. Was für den Menschen gilt, gilt auch für den Hund: „Schmerz verändert das Wesen“, weiß Andreas Zohmann. „Bei einem verhaltensauffälligen Hund kann es sein, dass er Schmerzen hat, die nicht erkannt wurden.“

Der Fachtierarzt für konservative Orthopädie und Neurologie ist Teil der Praxisgemeinschaft „Vet & Physio“ für ganzheitliche Veterinärmedizin in Oberalm und leitet zudem ein Rehazentrum in Deutschland.

Geht Zohmann auf die Straße, sieht er ständig Hunde mit Problemen beim Gehen, denn Zohmanns Auge ist geschult. Das unterscheidet ihn von den meisten Hundebesitzern. Diese wissen oft nichts vom Leid ihrer Schützlinge: „Hunde zeigen ihre Schmerzen nicht, solange es geht.“ Als Rudeltier warnt sie ihr Instinkt davor, Schwäche zu zeigen, um nicht ausgestoßen zu werden.

„Ich sehe ständig Hunde, die beim Gehen Probleme haben“, sagt der Fachtierarzt für konservative Orthopädie und Neurologie, Andreas Zohmann. Bild: Suchanek

Hauptproblem: Die Hüfte

Die meisten Probleme mit dem Bewegungsapparat gehen von der Hüfte aus, weiß Zohmann, der sich auf Gangbild-Analysen spezialisiert hat. „Beim Hund ist hinten der Motor, vorne Lenkung und Bremse. Hat ein Hund Probleme mit den Hüften, verlagert er den Antrieb nach vorne.“

Kein Hintern und das Fehlen einer kräftigen äußeren Oberschenkelmuskulatur seien ein Zeichen für ein Hüftproblem. Weil der Hund dieses auszugleichen versucht, wird es zuerst andernorts sichtbar – an Zehen, Ellenbogen, Rücken. Auch das „Popowackeln“, das viele süß finden, hat seine Ursache in der schmerzenden Hüfte. Der Hund versucht das Gelenk ruhigzustellen.

Für das Leid der Hunde nennt Zohmann drei Faktoren als Ursache: Mangelnde Bewegung (oder falsche, wenn der Hund bereits Probleme hat), Ernährung und – als Hauptgrund – die Vererbung: Denn Hunderassen unterliegen Moden. Auch schauten viele Züchter nicht auf ein gutes Gangwerk, beklagt Zohmann.

Der Deutsche Schäferhund, bei dem als Schönheitsideal hinten niedrig gilt, sei schon unter Qualzucht einzuordnen. Von Hüftproblemen betroffen sind auch oft die aktuell beliebten Rassen Golden Retriever und Labrador, auch Berner Sennenhunde gehören zu den „Popowacklern“.

Dass Mischlinge gesünder sind als Rassehunde, ist laut Zohmann aber ein Klischee. Gerade gerettete Hunde aus Tierheimen und Tötungsstationen hätten oft Probleme mit dem Bewegungsapparat, warnt er.

Nur Früherkennung hilft

Um Problemen vorzubeugen, sollte man den Hund vor dem Kauf vom fachkundigen Tierarzt untersuchen lassen – und auf einen guten Züchter achten. „Ein Hund ist mit einem Jahr ausgewachsen, da haben sich Gangprobleme eingelaufen. Man muss früher zum Arzt“, appelliert Zohmann, der sein Wissen in Kursen an Kollegen weitergibt.

Ist der Hund jung genug, kann man die Probleme mit Physiotherapie beseitigen. Später bleibt oft nur die Gabe von Schmerzmitteln, die langfristig gesehen teuer ist und Nebenwirkungen hat. Zohmann: „Der Hund ist oft Familienersatz, er hat einen anderen sozialen Stellenwert als früher. Man sollte ihm die Chance geben, lange gesund und schmerzfrei zu sein.“

Von Petra Suchanek