Albtraum Airbnb: Nachbarwohnung geflutet

Zehn Betten auf 66 qm in Gneis, die Nachbarn verzweifeln: Wir hatten Betrunkene, eine Überschwemmung. Gericht sagt: Vermietung ist legal.

In Salzburg-Gneis vermietet der Baumeister einer Vorzeigesiedlung freifinanzierte Luxuswohnungen an Touristen, wie die Salzburger Nachrichten berichteten. Die Empörung der Politiker war groß. Ein paar Straßen weiter erleben die Bewohner eines Mehrparteienhauses, wie es ist, wenn sich die Internetindustrie in die Stadtrandidylle einnistet.

Zum Schlafen zur Mutter geflüchtet

„Wir sind verzweifelt“, sagen die Nachbarn, die meisten von ihnen ältere Herrschaften mit nicht mehr der besten Gesundheit. Etliche Bewohnerinnen flüchteten im Sommer zum Schlafen zur Mutter, in Hotels und Pensionen. Es sei kein Aushalten mehr, seit eine 66-Quadratmeter-Wohnung an Touristen vermietet werde. Auf Airbnb und Booking.com wird eine Unterkunft für zehn Personen angeboten: In die Räumlichkeiten hat man acht Betten und zwei Schlafsofas gestopft. Um 233 Euro pro Nacht gibt es sonst kaum ein Stockbettquartier in der Stadt.

Seitdem seien ständig Fremde im Haus, klagen die Mitbewohner, laut Leute, rücksichtslose Leute. Junge Bayern beim Poltern taumelten betrunken durchs Stiegenhaus, Gäste wühlten in den Briefkästen nach dem Schlüssel, verwendeten die Waschmaschinen und das Pulver der Bewohner. Und irgendwann kam Wasser aus der Touristen-Wohnung, erzählt das Ehepaar in der Wohnung darunter. „Das Wasser ist aus den Steckdosen geronnen, wir mussten zweieinhalb Monate ausziehen“, schildert der 81-jährige Gatte. Das Schlimmste aber sei: Es gebe keinen Ansprechpartner, und die Behörden würden nicht helfen.

„Jährlich gehen 150 Wohnungen an die Plattformen verloren. Das Geschäftsmodell ist hoch lukrativ.“ Christoph Fuchs, ÖVP

Während Airbnb weltweit bereits 400 Abkommen mit Städten hat, so Neos-Klubobmann Andreas Hertl, überlässt die Stadtpolitik die Agenda weitgehend der Verwaltung. Die arbeitet mit Bestimmungen, die am Markt vorbeigehen, kritisiert Planungsstadtrat Johann Padutsch. „Das neue Raumordnungsgesetz hilft uns nicht. Wir sind immer noch auf Meldungen angewiesen, wo so was stattfindet.“ Die Anonymität öffnet auch dem Abgabenbetrug Tür und Tor. Die Landtags-ÖVP will jetzt ein Nächtigungsabgabengesetz verabschieden, demzufolge Vermieter sich künfig bei der Gemeinde registrieren müssen.

Die Wohnung in Gneis (oben) wird auf Airbnb angeboten. Bild: Wenger

Im Fall der Konstanze-Weber-Gasse hat das Baurechtsamt einen Kontrolleur geschickt und ein Strafverfahren eingeleitet. Kritik weist Amtsleiter Alexander Würfl zurück. „Wir müssen bei den Prüfungen einen Touristen mit Koffer antreffen und seit Jänner rechtlich doppelgleisig fahren.“ Strittig ist, wie viele Vermietungen vor dem 1. Jänner 2018 bereits legal waren. Die Stadt steht mit etlichen Vermietern vor dem Höchstgericht. Und man schummelt weiter.

Seit heuer braucht man für die touristische Vermietung eine Genehmigung – bei der Stadt ist bislang kein einziger Antrag eingegangen. Und das, obwohl „jährlich 150 bis 200 Wohnungen an die Plattformen verloren gehen“, so ÖVP-Klubobmann Christoph Fuchs. Das Geschäftsmodell sei hoch lukrativ, er habe viele Anfragen von Immobilienbesitzern. Laut SF-Informationen machen Vermieter im Juli, August knapp 30.000 Euro Kasse.

Im Netz nennt man sich „Adrian“ und „Paul“

Der Strafbescheid in Sachen Konstanze-Weber-Gasse (600 Euro) wird auf Rundreise gehen. Denn die Verhältnisse sind verschachtelt. Der Wohnungseigentümer, Rechtsanwalt Peter Lechenauer, will selbst keine Touristen-Vermietung. Verantwortlich sie einer, von dem Lechenauer „nicht weiß, wo er ist“. Es ist der ehemalige Lebensgefährte der verstorbenen Vorbesitzerin, er hat ein lebenslanges Benutzungsrecht und Erfahrungen aus dem Rotlichtmilieu. Ein Freund aus Innsbruck wickelt mit einer Immobilienverwaltungs-GmbH die Airbnb-Geschäfte in Salzburg und Tirol ab. Auf Airbnb nennt man sich „Adrian“ und „Paul“.

Beim Bezirksgericht Salzburg haben die Unterkunftgeber bereits einen Etappensieg errungen. Eine Wohnungsbesitzerin beantragte die Unterlassung der Touristen-Vermietung. Der Richter lehnte ab: Der Nachweis einer nicht gesetzeskonformen Vermietung sei nicht erbracht.

Die Innsbrucker Immobilienfirma hatte eidesstattlich versichert, dass nur an Geschäftspartner und Freunde vermietet werde. „Der Richter hat das nur im Zuge einer schriftlichen Befragung erledigt, quasi auf kurzem Weg, ohne Vernehmung von Beteiligten. Das ist völlig unverständlich.“
„Gerichtliche Entscheidungen sind zu akzeptieren, das Bezirksgericht wird schon einen guten Grund gehabt haben“, meint Gerd Pichler von der Innsbrucker Anwaltskanzlei, die die Immobilienfirma vertritt. Mehr wolle sein Mandant nicht sagen.

In die Online-Portale schaute der Richter nicht

Den eigentlichen „Tatort“ hat der Richter nicht inspiziert: das weltweite Netz. Auf Booking.com finden sich klare Hinweise, dass nicht Geschäftsleute sondern Urlauber die Wohnung nutzen – wie Nadine aus Deutschland, Steven aus Thailand, Jennifer aus den USA, Syed aus Saudi-Arabien. Sie sind „travellers visiting the country“, Familien, junge Globetrotter. Und schaut so ein Business-Apartment aus: „kein WiFi, schmutzige Küche, unhygienische Badezimmer-Einrichtung, höherer Gesamtpreis“? Ivana aus Italien wurde beim Aufenthalt im Juli sogar von einem Amtsorgan geweckt. Der Prüfer vom Magistrat meinte, dass sie als Touristen gar nicht da sein dürften.

Von Sonja Wenger