Sie hat keine Angst vor dem Wolf

Die Schönen und das Biest: Zwei Salzburgerinnen zeigen mit einzigartigen Bildern Wildtiere in ihrer ganzen Anmut.

Wölfe haben in Salzburg keinen leichten Stand. Taucht einer auf oder reißt er einem Bauern Schafe, heißt es rasch: „Abschießen“. Das fast ausgerottete Wildtier lässt unter den Salzburgern die Emotionen hochgehen. Wie es  ist, einem Wolf ganz nahe zu sein, erkundeten  zwei Frauen aus Salzburg. Fotografin Hannelore Kirchner und die für ihre spektakuläre Handstand-Kunst bekannte Artistin Steffi  Millinger flogen nach Moskau, um dort in einem Wildtier-Zoo atemberaubende Bilder zu machen.

Diese sorgen  auf Facebook und Instagram für Aufsehen. Kein Wunder: Wie auf dem „Fenster“- Cover zu sehen, liegt die Artistin leicht bekleidet  in verrenkter Pose am Waldboden  – umgeben von Wölfen. Was will Millinger mit diesen Bildern aussagen? „Eine Botschaft habe ich gar nicht“, erklärt Steffi Millinger auf „Fenster“-Anfrage. Den Titel „Beauties and the beast“ (Die Schönen und das Biest) habe sie gewählt, weil in ihr selbst immer wieder das Biest durchschlage. „Bei meinen Stunts bin ich oft im Biestmodus, beiße mich also richtig rein“, so die zierliche, voll durchtrainierte Artistin. Die Moskauer Wölfe lebten in einem Riesengehege, denen gehe es gut, meint Millinger.
Mit den anmutigen Wildtieren auf Tuchfühlung zu gehen, sei ein ganz besonderer Moment gewesen. „Man stellt sie sich viel furchteinflößender vor“, so Millinger. Wobei sie auch verstehe, dass Bauern den Wolf in Salzburg nicht dulden wollen, weil der ihre Existenz gefährde.

Für Fotografin Hannelore Kirchner, die gerne mit  Millinger arbeitet, war es ein spannendes Fotoshooting. Sie hat mit einem 50 Millimeter-Objektiv gearbeitet.  „Ich war fünf Meter entfernt. Das hat mir schon Respekt eingeflößt“, schildert Kirchner. „Wenn ich den beteiligten Menschen vertraue und keine Angst ausstrahle, geht auch alles gut“, sagt die Fotografin. Wobei sie eingesteht, die Leinen der Wölfe wegretouschiert zu haben.  Über Steffi Millinger, die am liebsten ohne Leinen gearbeitet hätte, meint Kirchner: „Steffi ist eine  Grenzgängerin, die sehr mutig ist.  Sie sucht immer Möglichkeiten, wo man spannende Bilder machen kann.“
Zur Wolfsdebatte sagt Kirchner nur soviel: „Man muss alles von zwei Seiten betrachten.“ In einem einzigen Bild könne jeder etwas anderes sehen. Kirchner: „Tierschützer sagen vielleicht, Wahnsinn, was die da tun. Artisten sehen Steffis Verrenkungen und ein Dritter sieht wieder etwas anderes.“ Die Fotografie habe sie gelehrt: Wenn man etwas sieht, weiß man noch nicht, was dahinter steckt.

Obwohl es heute mehr Fotos als je zuvor gibt, schätzten immer noch genügend Menschen die Arbeit von Fotografen, schaut Kirchner entspannt in die Zukunft. „Mich interessiert der Mensch in seinem Ganzen“, so der Zugang zu ihrer Arbeit, die bei Hochzeiten und Babyshootings genauso nachgefragt wird wie für Firmenfotos und  klassische Bewerbungsbilder.

Kirchner hat  ihren Berufstraum verwirklicht: Aufgewachsen in Bramberg, ließen ihre Eltern sie im Salzburger Fotostudio Ernst Gruber die Fotografenlehre machen. Es folgte die Höhere Grafische Lehranstalt samt Meisterklasse für Fotografie in Wien – und seit 15 Jahren die Selbstständigkeit in ihrem Lieferinger Studio. „Fotografie ist mein Leben“, schwärmt Kirchner. Im Vorjahr stellte sie Bilder von genesenen Krebspatienten aus. Der Zulauf war enorm. Jetzt planen Kirchner und Millinger eine gemeinsame Ausstellung. Das „Fenster“ wird berichten.

Von Sabine Tschalyj

Weitere Informationen  unter:
www.hannelore-kirchner.com
www.instagram.com/stefaniemillinger