Was ist rechts, was links, was richtig?

Das Open-Mind-Festival der ARGEkultur spürt ab 9. November der Frage nach, wo der Mensch heute politisch steht. Und lässt mitreden.

50 Jahre nach Beginn der 68er-Bewegung und 200 Jahre nach der Geburt von Karl Marx ist vieles nicht mehr ganz so klar, wie es früher einmal war. Allerorts ist vom „Rechtsruck“ in den Gesellschaften die Rede. Doch welche Rolle spielt die traditionelle Links-rechts-Achse überhaupt noch in der politischen Diskussion, fragen sich Sebastian Linz, künstlerischer Leiter der ARGEkultur, und Dramaturgin Theresa Seraphin. Bewusst zweideutig und spielerisch übertitelten sie das erstmals von ihnen kuratierte Open-Mind-Festival mit „What’s left / What’s right“.

„Wir versuchen viele Positionen abzubilden. Ein breites Spektrum ist uns wichtig“, sagt Sebastian Linz. Anders als in den Vorjahren, wo man auf starke aktivistische Positionen setzte, sei es ihm wichtig, einen Schritt zurückzugehen und analytisch auf das Thema zu blicken. Deshalb startet er mit einer Podiumsdiskussion in Kooperation mit der Robert-Jungk-Bibliothek – mit den Wiener Politikwissenschaftlerinnen Tamara Ehs und Birgit Sauer und Journalist Michael Jäger (Berlin).

Auch wenn das Thema ein ernstes sei, so „sind die Produktionen nicht so kopflastig, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen“, betont er. Die Performance „White on White“, mit der sich das Maxim Gorki Theater Berlin in Salzburg vorstellt, sei im Grunde ein Live-Hörspiel in englischer Sprache, bei der das Publikum auf Sitzbällen übers Hüpfen revolutionäre Energie entwickeln soll, verrät Linz. Das habe durchaus Witz.

Eine lustvolle Umsetzung des Themas darf man auch bei „Zweiter Versuch übers Turnen“ von der Gruppe Hauptaktion erwarten. Darin wird „die Verwobenheit der Geschichte Deutschlands als imaginierte Gemeinschaft mit der Geschichte des Turnens als körperliche Praxis“ von Laientänzern nähergebracht.

„Leute treibt es um. Es gibt großen Bedarf zu reden.“

Im „Hostclub“ von Marcel Schwald kommt das Publikum nicht nur zu Wort, sondern „in einem sanften, witzigen Ambiente“ buchstäblich ins Reden. Ein wichtiges Format, findet Linz. Denn er ortet ein großes Gesprächsbedürfnis in der Bevölkerung: „Das Thema treibt die Leute um.“

Auch in der ARGEkultur. Denn wenngleich das Haus eine linke Geschichte habe, so habe man längst nicht mehr nur das eine, linke Publikum. Gerade in den Kabaretts sei der Anteil konservativerer, bürgerlicher Zuschauer hoch. „Wir versuchen mit dem Open Mind ein kluges, kritisches Publikum anzusprechen. Und das gibt es nicht nur im linken Spektrum“, weiß Linz.

Für hitzige Debatten dürften die Lesungen von Tobias Ginsburg und Max Czollek, beide jüdischen Ursprungs, sorgen. Ersterer mischte sich inkognito unter die„Reichsbürger“, Letzterer erklärt das deutsche Integrationstheater als fehlgeschlagene Strategie und fordert: „Desintegriert euch!“

Musikalisch wird es beim Abschlussabend mit „Low Profiler“ Didi Neidhart, und bereits zuvor, wenn Ja,Panik-Sänger Andreas Spechtl mit Autor Thomas Köck beim „Ghost Dance“ einen Live-Remix aus Sounds, Texten und Videos gestaltet.

Wer will, kann an dem europaweiten Flashmob „The European Balcony Project“ von Ulrike Guérot, Robert Menasse und Milo Rau mitwirken. Da wird gleichzeitig an 200 Orten die europäische Republik ausgerufen. Die Teilnehmer werden gefilmt, ihre Aussagen verschriftlicht und an die Initiatoren zurückgeschickt, die daraus ein Buch machen werden. Wer schon immer mal in einem Menasse-Werk vorkommen wollte: Das ist die Gelegenheit dazu!

 Open-Mind-Festival von 9. bis 17. November

  • Die partizipativen Programmpunkte des Festivals sind alle bei freiem Eintritt zu besuchen.
  •  Für alle, die mehr wissen wollen: Am Samstag, 3. November, 10 Uhr, erläutern Sebastian Linz und Theresa Seraphin das Programm beim „Zuschauer*innen-Frühstück
  •  Nähere Info: www.argekultur.at

Von Petra Suchanek

Am Bild: Witzig und kritisch: Die Gruppe „Hauptaktion“ erzählt die deutsche Geschichte anhand jener des Turnens. Bild: Hauptaktion / ARGEkultur

Dieser Beitrag ist im Monatsheft „Kulturfenster November“ erschienen, das in Salzburgs Kulturstätten und Gemeindeämtern zur freien Entnahme aufliegt – und über die SN-App digital abgerufen werden kann.