Oh Graus, oh Graus

Sind Sie jemand, dem recht leicht schlecht wird? Dann sollten Sie jetzt nicht weiterlesen.

Heut geht’s nämlich um was richtig Ekelhaftes. Kinder! Haha. Nein, im Ernst: Sobald man Mama oder Papa wird, passiert ein merkwürdiger Tausch. Man bekommt ein Kind und verliert im Gegenzug sein Ekelempfinden. Ekel ist ja etwas, das den Menschen schützen soll – vor Dingen, die ihn vergiften und töten könnten.

Karikatur Thomas Selinger Bild: www.seli.at

Was ihn graust, das frisst er nicht, und so kann er relativ sicher sein, dass er nicht stirbt. Zumindest nicht aus diesem Grund. Wir ekeln uns also vor dunklen, schimmligen, gammligen Dingen, vor Schleim, vor Ausscheidungen, vor allem, was mit Bakterien befallen und deshalb gefährlich für uns sein könnte.

Sobald man aber ein Baby kriegt, holt man sich das mit ins Haus. Und Mutter Natur, die Kluge, hat sich offenbar gedacht: Der Ekel, den der Mensch sich antrainiert hat, den trainier ich ihm wieder ab – zumindest für eine Weile. Damit er es ertragen kann, Gnackgackwindeln zu wechseln, Flascherlmilchkotze aufzuwischen und Sabber von einem Babydoppelkinn zu putzen.

Man glaubt ja gar nicht, bevor man es erlebt hat, was einem da so alles an Grausligkeiten unterkommt. Hätte ich für jedes Mal, da mir eins meiner Kinder was Halbzerkautes in die Hand gespuckt hat, einen Euro bekommen, säße ich längst im Flieger nach New York. Erste Klasse.

So eine mundzerquetschte Banane, ein aufgeweichter Keks oder ein völlig eingespeicheltes Stück Semmerl ist dabei aber noch das geringste Übel – man muss auch vollgespiebene Bettwäsche wechseln, man steht vielleicht sogar, ja, das passiert, genau in Reichweite, wenn ein Kind sich übergibt. Und hat dann halbverdaute Gemüsebrockerl in den Haaren.

Falls Ihnen jetzt schlecht ist, kann ich nur sagen: Tschuldigung, ich hab Sie ja gewarnt! Rotz ist auch so eine Sache. Und Popel. Beides bekommt man überall hingeschmiert, und das Witzige ist: Irgendwann graust man sich wirklich nicht mehr.

Unvorstellbar, aber wahr: Man wischt das alles auf, man putzt Nasen und Münder und Hintern, man findet das normal, es schüttelt einen nicht, der Ekel ist erfolgreich abtrainiert. Als meine Tochter klein war, hab ich sie mal mit Brei gefüttert und dabei, wie man das halt so macht, zwischendrin selber immer wieder den Löffel abgeschleckt (was man nicht darf, gell, wegen der Bakterien DER MUTTER, die gefährlich sind fürs Baby, ahaha), und ein kinderloser Kerl hat zu mir gesagt: „Das ist das Ekligste, was ich je gesehen hab.“ Ich hab nur gegrinst. Inzwischen hat er selber Kinder.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin. Mail: interaktiv@svh.at