Streit kann Frieden stiften

Warum wir den Widerspruch brauchen und richtig streiten lernen sollten, das erklärt ein Friedensforscher.

Der Mensch eroberte das Weltall, schuf künstliche Intelligenz – und hat es doch nicht geschafft, für dauerhaften Frieden auf Erden zu sorgen. Warum ist dem so? Schon in der Bibel gebe es die Erkenntnis von gut und böse, der Mensch trage beides in sich, sagt Friedensforscher Werner Wintersteiner beim Gespräch mit dem SF am Rande der Tagung „Kultur(en) des Friedens“.

Diese fand in der Vorwoche in St. Virgil als Beitrag zum Stille-Nacht-Jubiläumsjahr statt, das Weihnachtslied trägt ja die Friedensbotschaft in sich. „Der Mensch ist weder dazu verdammt, Kriege zu führen, noch ist er genetisch so programmiert, dass er nur friedlich sein kann.“ Er müsse daher ständig am Frieden arbeiten. Dazu gehöre auch der Streit, weiß Wintersteiner und räumt mit einem Vorurteil auf: „Streit kann etwas sehr Produktives, aber auch etwas sehr Destruktives sein.“

„Widerspruchsfreiheit ist ein Zeichen des Totalitären.“ Werner Wintersteiner

Gut streiten zu lernen, sei sehr wertvoll. In den Schulbüchern würde gelehrt, wie man Streit vermeide, wichtiger wäre, die Kinder darauf vorzubereiten, wenn der Streit da ist: „Das Lustvolle am Streiten zu zeigen, ist der einzige Weg, um zu lernen, damit richtig umzugehen“, ist Wintersteller überzeugt. Streit als etwas Negatives zu tabuisieren, führe hingegen dazu, dass er im Politischen wie im Sozialen unproduktiv ausgetragen würde.

Auch die Aggression sei zunächst kein negativer Begriff. Wintersteiner verweist auf Erich Fromms „Analyse der menschlichen Destruktivität“: „Aggression ist eine Kraft zur Durchsetzung, die wir brauchen, um auf die Welt reagieren zu können. Diese Kraft nützlich zu verwenden, das ist der entscheidende Punkt.“

Dem gegenüber stehe die Haltung „Gebt’s Frieden“. Die Angst vor Konflikten habe auch die Politik erkannt, analysiert Wintersteiner: Ex-Kanzler Faymann habe als erstes „Genug gestritten“ plakatiert, und die jetzige Bundesregierung rühme sich stets dafür, nicht zu streiten. „Das scheint anzukommen. In Wirklichkeit müssten wir uns vor dem aber sehr fürchten“, räumt der Friedensforscher ein. Widerspruchsfreiheit an sich sei ein Kennzeichen des Totalitären.

Social Media & Co.: Müssen Kultur des Respekts lernen

Was früher die Feuerwaffe, ist heute oft die Sprache. Mobbing an Schulen ist ein zeitloses Thema, weiß Kristina Langeder vom Friedensbüro Salzburg, das die Tagung mitorganisierte: „Um Konflikte in Schulen zu lösen, kann man Peer-Mediationen im Schulsystem verankern.“ Außerdem müssten Lehrer geschult werden, wie man mit Konflikten richtig umgehe. Auch im Internet wird mit Sprache „scharf geschossen“.

Wie kann man die Kinder vor Anfeindungen im Netz schützen? „Wenn in einer Gesellschaft die systematische Ausgrenzung eines Teils der Bevölkerung aus politischem Kleingeldinteresse betrieben wird, wenn das als Muster normal ist, wie sollen Kinder verstehen, dass es in ihrem eigenen Bereich nicht normal ist?“, fragt Wintersteiner und plädiert für eine Kultur des Respekts. „Wir müssen die Idee, dass alle Menschen das Recht auf Menschsein haben, verteidigen.“

Die Spaltung der Gesellschaften Europas birgt Konfliktpotenzial, angetrieben durch den Populismus. Wie kann die (Zivil-)Gesellschaft dem entgegenwirken? Dazu nennt Wintersteiner drei Punkte:

Erstens, aufdecken, dass Rassismus oft eingesetzt wird, um soziale Klüfte scheinbar zu überwinden und ein Wir-Gefühl zu erzeugen. Er nennt als Beispiel Marine Le Pen, die gegen den ausländischen Kapitalismus wetterte, sich aber für die kleineren französischen Betriebe stark machte. Zweitens, keine Angst zu haben, mit seiner Meinung allein zu sein. Denn viele trauten sich erst zu (wider-)sprechen, wenn einer anfängt. Und drittens, alles tun, um nicht allein zu bleiben. Dazu gehört Mut zeigen, miteinander reden – und manchmal eben auch der Streit.

Von Petra Suchanek

Am Bild: Im Gespräch (v.li.): Paul Estrela (Stille Nacht Gmbh), Kristina Langeder (Friedensbüro) und Friedensforscher Werner Wintersteiner. Foto: Suchanek