Wo Angela Merkel speist

Der Vorkoster auf den Spuren der deutschen Bundeskanzlerin.

Vor dem großen EU-Gipfel in Salzburg wurde ja ein großes Geheimnis daraus gemacht, welcher der 28 Staatenlenker wo wohnt. Das ist inzwischen durchgesickert. Angela Merkel übernachtete dort, wo sie immer einzieht, wenn sie die Mozartstadt besucht: in der Gersberg Alm auf Viertelhöhe des Gaisbergs. Das ist ihr Lieblingshotel auch während der Festspiele. Und da Gesellschaftskritiker der deutschen Kanzlerin bekanntlich vorwerfen, zur Oper immer denselben Hosenanzug zu tragen, könnte man sogar vermuten, dass sie auf der Alm ihre Kleidung für festliche Anlässe vorrätig hält.
Wobei der Vorkoster bei seinem Besuch keinesfalls vorhatte, in irgendwelchen Schränken zu stöbern. Ihn interessierte, welche kulinarische Qualität Angela Merkel über Jahre so schätzt. Das Verhältnis der Politik zu gutem Essen ist ein kompliziertes. Ja nicht in den Geruch eines Feinspitzes kommen – aus Angst vor dem Vorwurf: Da haut sie die Tausender raus und bei uns fehlt das Geld für den Kindergarten. Tatsächlich wirbt die Gersberg Alm mit österreichischer Küche. Die gut sein muss, es sei denn, Merkel ist Masochistin.
Während es die deutsche Kanzlerin auf weltweite Bekanntheit bringt, gilt der Eigentümer der Immobilie Gersberg Alm immerhin lokal als bunter Hund. Rechtsanwalt Florian Kreibich saß als Vorzugstimmen-Kaiser zwei Perioden für die ÖVP im Landtag, er ist Präsident des Salzburger Tennisclubs und auch Chef der Romantik-Hotels. Was natürlich die Latte hoch legt für sein eigenes Haus.
Die Lage ist unbestreitbar romantisch. Ein kleines Plateau, von einem Park umgeben, ein paar Schritte und der Blick öffnet sich Richtung Stadt. Die Alm selbst ist alt, hier kehrte man schon zur Mozartzeit ein. Die Stuben sind holzgetäfelt und dezent nur geschmückt. Der Garten wirkt gepflegt, aber nicht geschleckt. Das ist genau das ländliche Salzburg, das einen Großstadtmenschen erfreuen kann.
Ganz ruhig konnte sich der Vorkoster nicht zu Tisch setzen, hatte er doch zuvor in TripAdvisor den Verriss eines deutschen Gastes gelesen, „enttäuschend“ sei das Restaurant gewesen, serviert wurde „das kleinste Wiener Schnitzel, das ich je gegessen habe“. Nun, das ließ sich ja überprüfen. Der Vorkosterin machte die Umgebung sofort Lust auf das Schnitzel (€ 22,50). Es kamen kleine, aber zwei davon, klassisch mit gewellter Panade, genau richtig gebräunt, zart das Fleisch, gut die Erdäpfel – alles, wie es sein soll. Mit einem Glas Veltliner ein behagliches Mahl.
Das viergängige Menü kostete 52 Euro und startete mit zwei Zutaten, die jüngst schwer in Misskredit gerieten: Lachs und Avocado – weil beider Produktion ethischen Standards nicht standhält. Und das Verteufelte darin ist: das Lachstatar, gemischt mit Gurken und Avocado schmeckt richtig gut. Mild war die Krenschaumsuppe geraten, kaum Schärfe zu spüren, dafür erfreute eine Blunz’n-Praline mit Biss und Majoranduft. Erste Qualität bot das Entrecôte in dichtem Bratensaft. Lustig das Dessert, das sich aus Schafmilchjoghurt-Mousse, Granola, geraspelten Karotten und Birneneis zu einer Art Müsli zusammenmixen ließ.
Die Speisen zeigen Haubenqualität, das Service ist flott und freundlich. Ja, hier oben lässt es sich leben, auch als deutsche Kanzlerin.

Gersberg Alm, Gersberg 37,
5020 Salzburg,
Tel 0662/ 641257,
www.gersbergalm.at